Vollständige Version anzeigen : Durchgangssyndrom - DGS
Wie verhalte ich mich richtig?
Pat. mit einem DGS gefährden teilweise ja nicht nur sich selbst sondern auch das Personal.
Wie schnell darf ich fixieren?
Was muß ich mir alles gefallen lassen, schließlich sind wir ja auch nur Menschen und haben Gefühle.
Was ist wenn der Pat. im DGS mich verletzt?
Wahrscheinlich wird der Pat. dafür nicht verantwortlich gemacht, da er sich in einer Ausnahmesituation befindet,oder?
Wie geht ihr mit solchen Pat.um, wie sediert ihr?
Wir benutzen überwiegend HALDOL und ANTICHOLIUM.
ATOSIL wird völlig aussen vor gelassen,leider!
Liebe Grüße
R.Fischer
19.03.2006, 09:41
Hallo Viggo!
Wir fixieren nur nach ärztlicher Anordnung.
Bei einer Verletzung durch den Patienten melden wir uns in unserer chirurgischen Ambulanz und lassen einen D- Arzt- Bericht erstellen zwecks BG- Zuständigkeit.
Bei der (vorübergehenden) Sedierung benutzen wir Droperidol, Catapresan und evtl. Dormicum.
Mit Grüßen aus dem strahlenden Süden-:D
Rainer.
Hallo Viggo.
Bei bekannter Alkoholanamnese verwenden wir Catapressan, als Dosisgrenzparameter orientieren wir uns an RR und HF, wobei der limitierende Faktor fast ausschließlich durch die sich entwickelnde Bradykardie entsteht.
Bei den "sonstigen" Patienten kommen auch Haldol und Atosil, bei "extremen" Fällen auch Dormicun oder niedrig dosiertes Propofol zum Einsatz.
Fixierung erfolgt nur nach schriftlicher Anordnung durch den Dienstarzt (rechtliche Absicherung).
Grüße aus RLP
Hallo,
bei uns läuft auch ein niedrig dosierter Clonidinperfuser.
Ansonsten wird der Patient nach Arztanordnung fixiert. (Natürlich 5 Punkt) :(
Grüße aus Bayern
Groha
ostfriesland
21.03.2006, 02:50
Hallo,
auch bei uns findet der Clonidin-Perfusor Verwendung - Perfusor mit 0,75 mg, Dosierung bis 10 ml/h, manchmal auch höher; limitierent ist meist die Bradykardie bzw. der Blutdruck. Beginn mit Paracefan-Perfousor erfolgt in der Regel sehr frühzeitig, meistens schon, wenn die Sedierung ausgeschlichen wird. Ansonsten findet bei uns Dormicum, Haldol, Atosil oder Tavor Verwendung (je nach dem welcher Arzt der Ansprechpartner ist).
Gruß
fredokus
21.03.2006, 07:00
MoinMoin
Da das sog. Durchgangssyndrom häufig durch eine Störung des Tag/Nachtrhythmus bedingt ist, versuchen wir diesen einzuhalten, bzw. zu fördern.Heißt: Tagsüber weitestgehende Mobilisation, Angehörige holen(wenn möglich) zum "kümmern", nachts schlafen lassen, durchaus auch mit Propofol "auf Schiene".
Bei C2- Abusus: Clonidin und auch gerne mal ein Bierchen, wenn keine Kontraindikation besteht(z.Bsp. Nahrungskarenz). Wir werden keinen Alkoholiker in der post-op Phase entwöhnen:-o .
Fixierungen selten, meistens "nur" die Hände.
Durch das Analgosedierungskonzept mittels Remifentanil und Propofol, basierend auf dem Ramsey- Score und den Behavial Pain Scale mit angestrebter frühestmöglicher Extubation ist die Rate der Patienten mit postop. DGS aber deutlich gesunken.
Verschlafene Grüße
Der Fred
M.A.R.I.A.N.
23.03.2006, 02:05
Hm ... "einfach so" darf man theoretisch nicht fixieren ... es handelt sich schlussendlich um eine Freiheitsberaubung und man braucht erstmal eine ärztliche Anordnung. Bei uns is' das aber auch eine recht schwammige Angelegenheit ... bevor sich der Patient zum x-ten Mal Magensonde, arterielle Kanüle oder Trachealkanüle/Tubus rauszieht werden bis zum Eintreffen des Arztes (v.a. nachts) bzw. einer Einscheidung über das weitere Vorgehen die "Pulswärmer" angelegt.
Ansonsten fixieren wird eher selten ... meist wird erst mal auf Risiko gegangen und wenn's gar nicht geht eben sediert. Über Nacht häufig mit Propofol auf low-dose, in Kombi mit Paracefan/Catapresan, tagsüber läuft Paracefan/Catapresan je nach Vigilanz und Herz-Kreislauf-Parametern. Ein wichtiges Kriterium bei der ganzen Sediererei is' bei uns die Mobilisierbarkeit - kann der Patient 1-2 mal am Tage in den Mobi-Sessel verfrachtet werden (auch mit Beatmung), wird automatisch der Tag-Nacht-Rhythmus gefördert und den Patienten damit ein stückweit Normalität gegeben.
Ansonsten gibt's für ganz "Ausgeflippte" gerne mal 'ne Kurzinfusion mit Atosil oder Haldol ... viele der internistischen Patienten haben sowas auch in ihrer Standard-Medikation drin oder werden mit einer Dauermedikation versorgt (Neuroleptikum oder Antidepressivum oder Kombi).
Hallo
die Entscheidung einen Patienten zu fixieren fällt mit Sicherheit niemandem leicht. Wenn eine akute Eigen- oder Fremdgefährdung vorliegt, fixieren wir ohne schriftliche ärzliche Anordnung. In diesem Zusammenhang fällt mir ein, das juristisch sogar schon Bettgitter als Fixierung gelten.
Oft hilft es schon den Patienten einfach mal kurz vom Monitor zu nehmen und den Flur zwei oder dreimal abzugehen, soweit es natürlich das Krankheitsbild erlaubt.
Medikamentös verwenden wir auch Clonidin oder Paracefan. Haldol ist eine heikle Angelegenheit, die Dosierung muss sehr individuell sein, ansonsten drehen viele Patienten erst richtig auf, bzw. reagieren paradox.
Bei bekanntem Alkoholabusus greifen wir gerne zu einem Bier oder sogar härteren Sachen. Es muss natürlich medizinisch vertretbar sein. Alkohol i.v. erfreut sich auch zunehmender Beliebtheit.
Markus
fredokus
26.03.2006, 18:23
MoinMoin
Oft hilft es schon den Patienten einfach mal kurz vom Monitor zu nehmen und den Flur zwei oder dreimal abzugehen, soweit es natürlich das Krankheitsbild erlaubt.
:bravo:
Ungewöhnlich, aber sehr gut.
Habe das auch schon des öfteren "exerziert" und bahnbrechende Erfolge erzielt.
Der Fred
Hallo @ all,
mal ehrlich, haltet ihr das Ruhigstellen mit Medikamenten für weniger "Freiheitsberaubend" als eine herkömmliche Fixierung?
Das geben von Propofol, Dormicum etc. ist doch nur die medikamentöse Form der Fixierung.
Ich will damit nicht sagen, dass wir etwa nicht auch mit Medis ruhigstellen, aber uns muss doch klar sein, dass wir den Patienten so oder so seines letzten eigenen Willens, seiner Freheit, berauben!
Nachdenklicher Gruß, Chris
Hallo @ all,
mal ehrlich, haltet ihr das Ruhigstellen mit Medikamenten für weniger "Freiheitsberaubend" als eine herkömmliche Fixierung?
Das geben von Propofol, Dormicum etc. ist doch nur die medikamentöse Form der Fixierung.
Ich will damit nicht sagen, dass wir etwa nicht auch mit Medis ruhigstellen, aber uns muss doch klar sein, dass wir den Patienten so oder so seines letzten eigenen Willens, seiner Freheit, berauben!
Nachdenklicher Gruß, Chris
:streik:
Ich bin aber der Festenüberzeugung, das die meisten Pat. froh sind, wenn sie "ruhig" gestellt werden bzw. wurden. Die folgen eines DGS` wären bei kardiochir. Pat. nicht sehr von Vorteil, = RETHORAX.
Viele könne sich auch nicht Vorstellen, das sie im DGS waren, bzw. meinen sie hätten es nur geträumt.
NIchtnachdenklicher Gruß zurück
Bei uns ist es wie bei den anderern schon beschrieben - eine Mischung aus körperlicher und chemischer Fixierung.
Allerdings müssen wir seit etwa einem Jahr ein sogenanntes Fixierungsprotokoll führen. Hier wird dann beschrieben wann, warum und wie fixiert wurde. Das alles muss grundsätzlich vom Arzt unterschrieben werden.
Superfantastisch
31.03.2006, 02:19
Allerdings müssen wir seit etwa einem Jahr ein sogenanntes Fixierungsprotokoll führen.
klar, der arzt muss bettgitter usw. anordnen, aber sollte das wann und wie nicht ohnehin in der pflegedokumentation "fixiert ;) " werden?
Sicher, aber es hieß bei uns, daß aus juristischen Gründen ein gesondertes Fixierungsprotokoll geführt werden müsse!
volkerallwicher
31.03.2006, 13:14
hallo,
ich hab mich mal im zwai- Forum auf die Suche nach Infos zum Thema
Durchgangssyndrom gemacht...
es wird also hier darüber berichtet wie man richtig fixiert und die Verordnung dazu bekommt, wie man sediert...
und es wird an anderer Stelle (http://forum.zwai.net/showthread.php?t=347)berichtet, dass Durchgangssyndrompatienten häufiger sterben und länger im Krankenhaus bleiben...
aber wer hat Infos darüber, wo denn nun (evidenz- basiert?) die Ursachen liegen und mit welchen Konzepten pflegerisch diesem Syndrom zu begegnen ist ( Basale Stimulation etc.)... dazu hört man leider wenig...:confused:
wäre sicher auch ein interessantes Thema für die Pflegewissenschaft...:streiker:
Miss Honey
15.04.2006, 14:44
Wir fixieren in dem Moment, in dem der Patient sich oder andere, bewusst oder unbewusst, gefährdet, zunächst auch erstmal wenn es sein muss ohne schriftliche Anordnung eines Arztes.
Eine Rea lasse ich mir ja auch nicht erst anordnen.
Dafür wecke ich nachts dann auch nicht extra den diensthabenden Arzt, die Info hat bis zum Morgen Zeit und dann wird die Fixierung auch schriftlich angeordnet, diese Verzögerung ist immer noch "zeitnah" und rechtlich legitim. Dann allerdings muss auch ein Antrag auf Einsatz freiheitsentziehender Maßnahmen (so heisst das Ding bei uns, ist ein hauseigenes Formblatt) bei Eigen- und/ oder Fremdgefährdung ans Amtsgericht gefaxt werden, um die Fix gerichtlich absichern zu lassen. Das klappt bisher wunderbar und ohne Probleme. Rechtlich ist es nämlich so, dass ausschliesslich der Amtsrichter eine Fixierung genehmigen darf, das darf auch nicht der Arzt. Der ordnet es zwar an, aber genehmigen muss es tatsächlich der Richter (was diese auch immer machen :)).
Medikamente gebrauchen wir in dem Fall eher sparsam. Es hat sich gezeigt, dass Patienten, die ins DGS rutschen durch den zusätzlichen Einsatz von Sedativa/ Psychopharmaka noch schlechter wieder in die Welt zurückzuholen sind.
Wir achten in dem Fall streng auf einen festen Tag-Nachtrhythmus, dem Patienten vertraute Dinge (bestimmte TV- Sendung etc), binden Angehörige verstärkt in die Betreuung ein und das klappt recht gut.
Eine Dokumentation der Fixierung (Art, Begründung, Dauer) muss zusätzlich erfolgen, wir machen das auf der Tageskurve, noch einen zusätzlichen Zettel wollten wir nicht haben :)
Hallo,
natürlich sind Medikamente auch eine Art der Fixierung, aber auch diese sind ärztlich angeordnet. Und gerade was das DGS angeht können sich die meisten Patienten "Gott sei Dank" an die Massnahmen die Ihnen gegen ihren Willen widerfahren sind, nicht mehr erinnern.
Und wie wir ja alle wissen lehnen diese Patienten ja oft grundsätzlich alles ab. Angefangen bei pflegerischen Massnahmen bis zu Medikamenten. Auch hier müssen wir im Sinne des Patientenwohls handeln. Sei es Pflege, Medikamente und auch Fixierung zum Eigen- und Fremdschutz.
Viele Grüße aus NRW
Ducky
husistar
18.04.2006, 01:58
Morgen
Ich finde man muß auch klären warum der Patient ein DGS hat. Ist es aufgrund eines Abusus, Demenz, OP oder sonst etwas. Z.B. kommt es doch sehr häufig vor, dass bei den chirurgischen Pat. mal eben das Psychopharmaka für ein paar Tage abgesetzt wird. Oder man versucht wie schon vor mir erwähnt einen c2´er zu entwöhnen anstatt ihm sein Bier zu geben. :wut: Das macht dann locker mal 5 Tage längeren Aufenthalt.
Das mit Patientengewohnheiten und Mobilisation kommt auch bei uns relativ gut. Aber manchmal kommt man um Paracefan, Atosil oder einer Tavor nicht vorbei. Fixierung ist doch ohne gleichzeitige medikamentöse Gabe mehr Stress für alle bzw doch kaum möglich oder ?
Fixiert ihr eure Patienten ohne Medikamentengabe??
Der Vollständigkeit halber auch in diesem Thread der Hinweis auf den Vortrag von Prof. Strauß auf dem 7. Berlin-Brandenburger Anästhesiepflegetag:
- Jochen M. Strauß: Postoperative Verwirrtheit - Ursachen und Therapie (http://www.brietzke-berlin.de/assets/applets/Postoperative_Verwirrtheit__Ursachen_und_Therapie. pdf)(PDF, 1 MB)
Die Fotos aus dem Vortrag stammen übrigens von Shawn Poynter (http://www.shawnpoynter.com/dementia1.html).
volkerallwicher
21.03.2007, 11:45
Hallo, liebe zwai-Redaktion,
vielen Dank für die interessante pdf-Datei. Gibt es noch ausführlichere Daten von diesem Professor für dieses Thema. Und ist er ein Anästhesist?
Interessant finde ich, dass er als Synonym nicht das Wort Durchgangssyndrom benutzt.... bewusst oder ist es schlich ein anderes Syndrom, über das er referiert hat...? Vielen Dank für die Info!!!
Hanno H. Endres
21.03.2007, 12:12
Hallo Volker.
Gibt es noch ausführlichere Daten von diesem Professor für dieses Thema. Und ist er ein Anästhesist?
Jawohl: Prof. Strauß (http://www.zwai.net/galerie/details.php?image_id=2965) ist Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am HELIOS-Klinikum Berlin-Buch (http://www.helios-kliniken.de/de/Kliniken/Berlin-Buch/Medizin/Klinikum_Buch/Klinik_f_r_An_sthesiologie___operative_Intensivmed izin/hel_035599). Ob es eigene Veröffentlichungen von Prof. Strauß zu dem Thema gibt, kann ich aus dem Stand nicht beantworten, aber im Abstract sind zahlreiche Literaturstellen genannt:
Bedford PD (1955) Adverse cerebral effects of anaesthesia on old people. Lancet 2: 257-263
Parikh SS (1995) Postoperative delirium in the elderly.Anesth Analg 80: 1223–1232
Rasmussen LS (2006) Postoperative cognitive dysfunction: Incidence and prevention. Best Practice & Research Clinical Anaesthesiology Vol. 20, No. 2, pp. 315–330
Linstedt U, Kropp P, Möller C, Zenz M (2000) Diagnostischer Wert des S-100-Proteins und der Neuronen-spezifischen Enolase als Serummarker zerebraler Störungen nach Allgemeinnarkosen. Anaesthesist 2000 · 49:887–892
Moller JT,Cluitmans P,Rasmussen LS et al. (1998) Long-term postoperative cognitive dysfunction in the elderly: ISPOCD 1 study. Lancet 351:857–861
Parikh SS (1995) Postoperative delirium in the elderly.Anesth Analg 80: 1223–1232
O'Keefe (1994) Postoperative delirium in the elderly.Br J Anaesth 73:673–687
Rogers MP (1989) Delirium after elective orthopedic surgery. J Psychiatr Med 19:109–121
Interessant finde ich, dass er als Synonym nicht das Wort Durchgangssyndrom benutzt.... bewusst oder ist es schlich ein anderes Syndrom, über das er referiert hat...?
Kein anderes Syndrom - nur ein anderes Synonym. ;)
Schöne Grüße,
hhe
Randbayer
07.04.2007, 21:10
Hallo Stefanie!
Validation, wurde uns im Rahmen der Ausbildung im Umgang mit alten Menschen nahe gebracht. Damals fand ich es langweilig, mittlerweile sehe ich es aber als eine wirksame Methode im Umgang mit Patienten im Durchgang, sowie bei Patienten die im Entzug sind. Es klappt nicht immer, aber man erreicht oft, dass sie sich verstanden fühlen, egal in welcher Zeit oder Sphäre sie sich bewegen. Ich finde auch, dass es oft sinnlose Fixierungen (Selbst- und Fremdgefährdung :motz:)erspart und Zeitmangel ist eine Ausrede.
Gruß der Randbayer
Obs-Pfleger
08.04.2007, 02:07
Abend!
Ich kann mich den Ausführungen des Kollegen Randbayer nur anschließen :guck mal: Es klappt nicht immer, aber man erreicht oft, dass sie sich verstanden fühlen, egal in welcher Zeit oder Sphäre sie sich bewegen.
Mfg Obs-Pfleger
Moin Moin,
ja, ja erst die Patienten Drogenabhängig machen und anschließend rummeckern. Bei Langzeitbeatmung gehen wir rechtzeitig mit Clonidin rein und reduzieren gleichzeitig die Sedierung, wenn der Patient extubiert werden soll.
(clonidin nicht so schnell reduzieren!!!)
Bei Patienten im AWR, die nach einer Narkose ins DGS rutschen, geben wir Propofol 1%. Ersteinmal 30-40 mg und anschließend in 10 mg schritten, bis der Patient schläft. Hilft auch besonders gut bei Kindern.
nettelback
18.12.2007, 23:01
Hallo! eine Fixierung ohne richterliche Anordnung ist nach meiner Kenntnis nur 24 Stunden erlaubt. Dies auch nur, falls der Pat. sich oder andere gefährdet. Falls die Fixierung länger als 24 Stunden notwendig ist, muss eine richterliche Anordnung eingeholt werden - eine ärztliche Anordnung reicht nicht.
nettelback
Stefanie M.
03.10.2008, 23:06
Salut,
ich möchte das Diskussionsforum und seine Akteure zum Thema des Durchgangssyndroms nutzen, um mich über den Einsatz von Screening- und Assessmentverfahren zur Früherkennung der akuten Verwirrtheit auf hiesigen Intensivstationen zu informieren und Eure möglicherweise praktischen Erfahrungen mit diesen Instrumenten in Erfahrung zu bringen.
Aus dem internationalem Sektor ist beispielsweise die Confusion Assessment Method (CAM-ICU) für Intensivstationen bekannt oder die Intensive Care Delirium Screening Checklist (ICDSC). In der deutschsprachigen Literatur tauchen diese Diagnoseverfahren zur Testung in medizinischen Studien auf.
Mich interessiert jedoch, ob sie auch schon in Deutschland auf den Intensivstationen ihren routinemäßigen Einsatz gefunden haben. Und wenn ja, mit welchem Instrument und mit welcher Anwenderzufriedenheit.
Im Rahmen einer pflegewissenschaftlichen Promotion plane ich die Einführung eines Assessments zur Förderung der Früherkennung des Deliriums. Internationale Studien haben gezeigt, dass ohne Assessments eine hohe Rate der Delirien unerkannt bleiben.
Über zahlreiche Beiträge in diesem Forum würde ich mich freuen und bedanke mich im Voraus.
Stefanie M.
martin.jentzsch
04.10.2008, 14:01
Hallo Steffi,
ich habe letzes Jahr in die Schwester/Der Pfleger einen Bericht über 2 Pflegekräfte gelesen die speziell ältere Menschen und Menschen mit Demenz vor einer OP und im Aufwachraum betreuen, in ihrem Krankenhaus hat sich das
DGS seitdem verringert.
Suche doch mal den Artikel im Archiv und nimm Kontakt zu den Kollegen auf.
LG Martin
Stefanie M.
04.10.2008, 15:18
Hi Martin,
Danke für Deine aufmerksamen Zeilen und den Hinweis auf das Projekt in Münster. Eine wirklich innvoative Idee Extrapersonal, hier Altenpflegekräfte, für Hochrisikopatienten für eine mögliche akute Verwirrtheit einzusetzten.
Sie arbeiten jedoch nicht mit Assessments, der Fokus ist auf die perioperative Betreuung gerichtet.
Abschließend zu meiner Frage, die ich initial in dieses Forum gesetzt habe, ob Du persönlich Erfahrungen mit einem Delirium-Assessment hast oder Kliniken kennst, die solches routinemäßig einsetzen?
Einen lieben Gruß aus Köln,
Stefanie M.
volkerallwicher
04.10.2008, 15:37
Hallo Stefanie,
mit Assessmentinstrumenten haben sich Abt-Zegelin und andere Forscher in Witten-Herdecke sehr intensiv beschäftigt und dort auch oft viel Links und Downloads anzubieten... ich würde dort mal schauen...
http://www.uni-wh.de/pflege/
und dort vielleicht mal unter Forschung nachschauen...
hast Du nähere Infos zu dem Projekt in Münster (von wem, Literatur...)?
Gruß Volker
martin.jentzsch
04.10.2008, 16:11
Hallo,
schade das ich dir nicht helfen konnte.
Habe leider keine persönlichen Erfahrungen gemacht.
LG Martin
Stefanie M.
05.10.2008, 01:39
Lieber Martin,
vielen Dank trotzdem für Deine Mühe. Solltest Du weiterhin "zufällig" etwas vom praktischen Einsatz von Delirium-Assessmenst hören, dann würde ich mich über eine Kurznachricht freuen.
Stefanie M.
Stefanie M.
05.10.2008, 02:03
Salut Volker,
vielen Dank für den Hinweis nach Witten-Herdecke. Du hast Recht, sie sind dort sehr stark mit dem Thema Assessments vertreten und haben auch schon Untersuchungen zu Delirium-Assessments im Rahmen von Masterarbeiten und Promotionsschriften durchgeführt.
Ich bin auf der Suche nach Intensivstationen, die zum Beispiel die CAM-ICU oder andere Screening- und Assessmentverfahren zur Früherkennung der akuten Verwirrtheit routinemäßig anwenden. Und dies nicht nur im Rahmen von Qualifikationsarbeiten- und Projekten. Wenn Du oder Deine Kollegen also etwas wissen- herzlich gerne.
Darüber hinaus zu Deiner Frage nach dem Projekt "Bobyguards für alte Menschen im Krankenhaus" und den Literaturquellen:
Teigeler, B. (2007). Geriatrie-Team. Bodyguards für den OP. In: Die Schwester Der Pfleger, 46. Jahrgang, Heft 8, S. 690-692
Ein anderer Ansatz im internationalem Sektor ist der Einsatz von Volunteers zur Betreuung von verwirrten älteren Patienten auf der Intensivstation, um deren Selbstgefährdung und Fixierungen zu minimieren, eine gute Atmosphäre am Bettplatz zu schaffen und das Intensivpflegepersonal zu entlasten. Dies können durchaus pflegerische oder medizinische Laien sein.
Dazu folgender Literaturhinweis:
Balas, M.C./ Gale, M./ Kagan, S.H. (2004). Delirium Doulas. An Innovative Approach to Enhance Care for Critically Ill Older Adults. In: Critical Care Nurse, 24, 4, S. 36-46
Mit einem lieben Gruß,
Stefanie M.
Elisabeth
05.10.2008, 12:53
Ein anderer Ansatz im internationalem Sektor ist der Einsatz von Volunteers zur Betreuung von verwirrten älteren Patienten auf der Intensivstation, um deren Selbstgefährdung und Fixierungen zu minimieren, eine gute Atmosphäre am Bettplatz zu schaffen und das Intensivpflegepersonal zu entlasten. Dies können durchaus pflegerische oder medizinische Laien sein.
Oh, Oh - das wird der DPR und "Lieschen" Müller aber gar nicht gerne hören wollen. http://www.deutscher-pflegerat.de/dpr.nsf/0/6CEA1717FD709D06C12574870031B5FF Wenns schon in der Altenpflege nicht gehen soll, dann wirds wohl in der Intensivpflege erst recht nicht funktionieren.
Warum ein neues Assessment? Werden damit nicht nur die Symptome gesammelt? Eine sinnvolle Therapie setzt aber die Diagnostik voraus. Und muss auch das pflegerische Handeln sich nicht auch an der Diagnose orientieren?
Elisabeth (die sich schwer tut mit ständig neuen Skalen und Standards)
Stefanie M.
05.10.2008, 14:17
Hi Elisabeth,
das mit den Volunteers am Bett als Sitzwache (Delirium Doulas) in Amerika würde ich mal ganz charmant betrachten. Es geht hier nicht darum, dass die Laien orginäre pflegerische Arbeiten übernehmen, sondern wie Angehörige einfach Präsenz am Bett zeigen. Darüber hinaus können bei dieser Idee auch Pflege- oder Medizinstudenten mitmachen. Vielleicht liest Du den Artikel von Balas mal und machst Dir selbst ein Urteil. Und- es ist nicht übertragbar auf das, was gerade in der Altenpflege in Deutschland diskutiert oder gewirkt wird.
Dein Unbehangen gegenüber Assessments kann ich ein wenig nach vollziehen. Wenn Du Dich jedoch intensivst mit der Thematik der akuten Verwirrtheit beschäftigst und immer wieder liest, dass ohne Delirium-Assessments bis zu 80% der Delirien auf der Intensivstation nicht erkannt werden, selbst bei versierten Intensivpflegekräften, dann kann man an diesen Erkenntnissen nicht vorbei schaun. Hier sei erwähnt, dass oftmals die Intensivpatienten mit einem hypoaktiven Deliriums nicht erkannt werden.
Die Überprüfung und Überwachung der kognitiven Funktion sollte also wie ein "fith vital sign" Einzug halten. Und es gibt Assessments, wie die CAM-ICU, die in der Anwendung nur 2 Minuten dauern.
Der Deal im Delirium-Managment ist, neben der Prävention, die rasche Früherkennung des Delirs, um dann mit Maßnahmen der Frühbehandlung zu agieren. Also, alles andere als wie Du es formuliert hast, das sinnlose Sammeln von Symptomen. Denn hier fängt es erstmal an!
Denn ist ein Delirium erstmal da, dann kann man nicht mehr wirklich effektiv eingreifen. Und dann wird es sehr anstrengend für den Patienten sowie für die Mitarbeiter.
Stefanie M.
Elisabeth
05.10.2008, 14:40
Ich kann zwar den Artikel von dir empfohlenen Artikel nicht lesen (keine bzw. unzureichende Englischkenntnisse) ... bin aber voll deiner Meinung. Allein unsere Verbandspolitik macht den Einsatz schwierig. Dort ist glaub ich manchmal weniger gesunder Menschenverstand vorhanden als bei einem Laien.
Zu den Assessments. Bereits der Versuch ein Risiko für Dekubitus über eine Checkliste zu erfassen ist kläglich gescheitert. Die Ersteller der Assessments verfügen über umfangreiches Hintergrundwissen. Sie nutzen die Assessments zur kurzgefassten Info. Mit diesen Checklisten wird aber nicht das Bildungsdefizit der Mitarbeiter behoben. Im Gegenteil. Es entsteht m.E. ein Risiko der Fehlbewertung.
Stichworte: Wahrnehmung, subjektive Wahrnehmung, Realität vs. Wirklichkeit
Elisabeth
Stefanie M.
05.10.2008, 15:15
Liebe Elisabeth,
vielen Dank für die prompte Antwort. Du bist Dir in der Haltung zu Assessments treu geblieben. Ich erinnere hier gerne an das Thema Denkstil und Denkstilbindung.
Ich möchte jedoch nicht, das Dekubitus-Risiko-Skalen mit Delirium-Assessments verglichen werden.
Des Weiteren sollte man unterscheiden, dass mit Screening Instrumenten ein Risikoprofil erstellt wird und mit Assessments die Diagnose gestellt wird. Also, in diesem Falle Delirium ja/nein. Und Assessments dienen immer, wie das allgemeine Monitoring auf der Intensivstation, zur zusätzlichen Ergänzung des klinischen Bildes. Mit objektiven Kriterien.
Bei der Einführung von Diagnoseinstrumenten, gibt es die Chance das allgemeine Wissen zum Phänomen der akuten Verwirrtheit zu aktualisieren. Ggfs.ist auch ein klinisches Protokoll der Frühbehandlung hilfreich. Denn nur, dass man nun die Diagnose schwarz auf weiß hat, ändert nichts in dem Handlungsspektrum und Wissen der Pflegekräfte.
Ich glaube, dass das Thema der akuten Verwirrtheit noch nicht so auf den Intensivstationen angekommen ist. Betrachtet man jedoch die Megatrendes der Zukunft und die wachsende Zahl der älteren Patienten im Krankenhaus und auf der Intensivstationen, so sollte man gerüstet sein. Und das hohe Alter ist ein prädisponierender signifikanter Risikofaktor für ein Delir.
Schaut man sich dann an, wie viele herbeiführende Risikofaktoren auf ihn in der Intensivbehandlung warten, dann hat das Thema eine Berechtigung in der Intensivpflege und auch in der Frühbehandlung (sprich in der raschen Diagnose).
Stefanie M.
Elisabeth
05.10.2008, 18:24
Des Weiteren sollte man unterscheiden, dass mit Screening Instrumenten ein Risikoprofil erstellt wird und mit Assessments die Diagnose gestellt wird.
Danke für die Info. Hab wieder was dazu gelernt.
Ansonsten bleibe ich bei meiner Einstellung. Es gibt keine Objektivität.
Wir leben alle auf unserer Wahrnehmungsinsel (s. Vera F. Birkenbihl). Wenn wir in diesem Bild bleiben, so ist deine Insel um ein vielfaches größer bezüglich der Wahrnehmung von Frühsymptomen im Bereich Verwirrtheit.
Wird meine Insel größer werden, wenn ich von dir wenige Bausteine in Form von Textbausteinen bekomme?
Meiner Ansicht nach kann sich meine Insel nur vergrößern, wenn ich versucher dein Wissen zu erwerben und zu integrieren. Aber dann brauche ich nicht mehr ein Assessment zur Erstellung einer Diagnose.
Apropos: Wenn das Diagnosestellen so einfach wäre, dann würde ja ein in wenigen Stunden geschultes Auge mit entsprechendem Tunnelblick und der Fähigkeit zum lesen ausreichen.
Für mich bleibt da so ein Nachgeschmack von Rezeptvorgabe: hat er soundsoviel Punkte ist er verwirrt. Jeder in der Medizin tätige weiß aber um die Vielfalt des menschlichen Daseins.
Elisabeth
volkerallwicher
05.10.2008, 21:40
Ich bin auf der Suche nach Intensivstationen, die zum Beispiel die CAM-ICU oder andere Screening- und Assessmentverfahren zur Früherkennung der akuten Verwirrtheit routinemäßig anwenden. Und dies nicht nur im Rahmen von Qualifikationsarbeiten- und Projekten. Wenn Du oder Deine Kollegen also etwas wissen- herzlich gerne.
Hallo, Stefanie,
hast Du es schon über Datenbanken probiert?
Empfehlenswert ist ja PubMed (sucht in Medline): http://www.ncbi.nlm.nih.gov/sites/entrez?otool=idesublib
Zugang über http://elib.suub.uni-bremen.de/cgi-bin/elib/user/FramesetElib?fach=med
oder
Cinahl ...
Zugänge z.B. direkt an Unis/Biblotheken (Staats- und Univbibliotheken)
in der Datenbank Gerolit findet sich folgender Buchtip:
Abraham et al (2001).: Pflegestandards für die Versorgung alter Menschen.Bern: Hans Huber.
ein anderer Artikel:
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Zeitschriftenbeitrag
Deutsche Version der Confusion Assessment Method (CAM) zur Diagnose eines Delirs
German version of the Confusion Assessment Method (CAM) for detection of delirium
Horst Bickel
Zusammenfassung Das Delir ist eine h�ufige und...eines Delirs ist die Confusion Assessment Method (CAM). Der Beitrag stellt...
Psychosomatik und Konsiliarpsychiatrie, Volume 1, Number 3 / Juli 2007
Ein Artikel in "der Anästhesist" von 2008 kann ich Dir als pdf geben, wenn ich Deine email- Adresse habe...
daneben andere mir nicht zugängliche Artikel (mit Ausnahme des gerade Genannten):
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Zeitschriftenbeitrag
Deutsche Version der Confusion Assessment Method (CAM) zur Diagnose eines Delirs
German version of the Confusion Assessment Method (CAM) for detection of delirium
Horst Bickel
Zusammenfassung Das Delir ist eine h�ufige und...eines Delirs ist die Confusion Assessment Method (CAM). Der Beitrag stellt...
Psychosomatik und Konsiliarpsychiatrie, Volume 1, Number 3 / Juli 2007
Full TextPDF (263,6 KB)
Full access to content 2. Beitrag markieren
Zeitschriftenbeitrag
Postoperatives Delir beim Intensivpatienten
Postoperative delirium in the critically ill
T.-K. Schmitt and F.-G. Pajonk
Der Anaesthesist, Volume 57, Number 4 / April 2008
Full TextPDF (2,0 MB)Full TextHTML
Full access to content 3. Beitrag markieren
Zeitschriftenbeitrag
Environmental assessment of Poplar Island Dredged Material Placement Site, Talbot County, Maryland
V. P. Dalal, J. E. Baker and R. P. Mason
...approach channels to the Port of Baltimore. The Poplar Island baseline environmental assessment studies included among others, seasonal water quality, benthic community, and benthic tissue...
Estuaries and Coasts, Volume 22, Number 3 / September 1999
Full TextPDF (1,8 MB)
No access to content 4. Beitrag markieren
Buchkapitel
Delir
A. Kurz
Psychiatrie und Psychotherapie,
Full TextPDF (139,0 KB)
No access to content 5. Beitrag markieren
Zeitschriftenbeitrag
Delir im Allgemeinkrankenhaus
Delirium in the general hospital
Friedel M. Reischies
Zusammenfassung Kontext Das Delir stellt die �rzte und Pflegekr�fte des Allgemeinkrankenhauses h�ufig vor schwierige...
Psychosomatik und Konsiliarpsychiatrie, Volume 1, Number 3 / Juli 2007
Full TextPDF (284,0 KB)
Full access to content 6. Beitrag markieren
Zeitschriftenbeitrag
Das postoperative Delir
Der Chirurg, Volume 77, Number 9 / September 2006
Full TextPDF (370,8 KB)Full TextHTML
Full access to content 7. Beitrag markieren
Zeitschriftenbeitrag
Confusion Assessment Method for the Intensive Care Unit (CAM-ICU)
Diagnostik des postoperativen Delirs bei kardiochirurgischen Patienten
Diagnosis of postoperative delirium in cardiac surgery
M. Klugkist, B. Sedemund-Adib, C. Schmidtke, P. Schmucker, H.H. Sievers and M. Hüppe
...nbsp; Mit der Confusion Assessment Method for the Intensive Care...ist die Prävalenzrate vom postoperativen Delir nach kardiochirurgischen Interventionen bei Diagnostik...
Der Anaesthesist, Volume 57, Number 5 / Mai 2008
Full TextPDF (619,9 KB)Full TextHTML
Full access to content 8. Beitrag markieren
Zeitschriftenbeitrag
Delir und Durchgangssyndrom
Delirium and intensive care unit syndrome
E. Muhl
Zusammenfassung Delir und Durchgangssyndrom sind häufige Erscheinungen bei postoperativen Patienten und ganz besonders bei...
Der Chirurg, Volume 77, Number 5 / Mai 2006
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Buchkapitel
Kognitive Störungen: Koma, Delir, Demenz
Hans Förstl
Neurobiologie psychischer Störungen,
Full TextPDF (1,2 MB)
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Zeitschriftenbeitrag
Delir-Screening – Confusion Assessment Method. Erste Erfahrungsberichte mit dem Einsatz einer modifizierten, deutschsprachigen Version
Bernhard Dittrich, Gerald Gatterer, Thomas Frühwald and Ulrike Sommeregger
Focus NeuroGeriatrie, Volume 1, Number 4 / Dezember 2007
Full TextPDF (614,0 KB)
Gruß, Volker
fridolin
06.10.2008, 10:55
Hallo, @all,
beim Lesen der letzten Beiträge kommt mir Etwas sehr bekannt vor...
Es folgt nun eine wahre Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann.
Vor gut 30 Jahren - also ich war noch jung und hübsch sowie in der Krankenpflegeausbildung - wurde ich durch die damalige Pflegedienstleitung "gebeten", auf einer Station eine nächtliche Sitzwache bei einem Delirpatienten zu übernehmen.
Also bin ich nichts ahnend dahin.
Vor Ort musste ich dann feststellen, das der Patient in einem Alkoholentzugsdelir war und es zu meinen Aufgaben gehörte, den Patienten mittels Distraneurin i.v. zu sedieren.
Folgendes Verfahren kam damals zur Anwendung: Distraneurin per Schwerkraftinfusion - zur zusätzlichen Sicherheit mit einer Peanklemme (natürlich mit unterlegtem Tupfer) abgeklemmt.
Jedesmal wenn der Patient sich bewegte, so sollte ich von der Infusionslösung soviel einlaufen lassen, bis der Pat. wieder gut sediert war. Es waren keine weiterne Überwachungsmöglichkeiten vorhaden, eine Dokumentation der Sedierung erfolgte nicht. Auch wurden die Sitzwachen nicht über mögliche Gefahren aufgeklärt.
Gott sei Dank - der Patient hat die Tortur überlebt - und ich auch.
Spätere Erfahrungen mit "Sitzwachen" durch Angehörige bei Patienten mit Duchgangssyndrom sind sehr geteilt, da viele Angehörigen gar nicht verstehen, warum der früher "normale" Mensch nun gerade "durchgedreht" ist und kosten somit noch sehr viel Zeit und "Nerven" des Pflegepersonals um das DGS den Angehörigen zu erklären. Viele Angehörigen sind offensichtlich mit der Situation DGS völlig überfordert.
Optimal wäre aus meiner Sicht, wenn solche Patienten ohne chemische oder physikalische Fixierung auskämen -. aber auf welcher ITS ist das heute noch leistbar?
Wer es schafft, auf seiner ITS mit den Patienten mehr oder minder regelmäßig über dem Flur zu laufen, der möge doch bitte die freien Stellen hier plazieren, denn wer möchte nicht auf so einer ITS arbeiten?
Viele liebe Grüße
der sitzende
fridolin
au au au aua, Fridolin, ähnlich Geschichten habe ich (leider) auch erlebt (vor langer Zeit)...
Unser Haus benutzt die Ramsey Skala. CAM-ICU finden die Docs in Ordnung, nur die Pflege nicht (!) (???).
Noch ein paar Article 2007-2008:
Screening methods for delirium: don't get confused! Kees Poldermann
Better Assessment and Better Management of Intensive Care Unit Delirium Leads to Better Outcomes for Intensive Care Unit Survivors: Expert Interview - E. Wesley Ely
Large-scale implementation of sedation and delirium monitoring in the intensive care unit: a report from two medical centers
Brenda Truman Pun et al, 2005, Lippincott and Williams
Chest 2007 Pun and Ely: The importance of.... http://www.chestjournal.org/cgi/reprint/132/2/624
Recognition and labeling of delirium symptoms by intensivists: Does it matter?
Int Care Med, 2008, Catherine Cheung et al (Dazu: Intensive Care Unit Syndrome A Dangerous Misnomer, Brian McGuire et al. Arch Int Med 2000)
WomBat, findet "normal sein" wunderbar und wünscht so zu bleiben :D
fridolin
06.10.2008, 21:51
fridolin fragt Wombat:
"was ist normal und ist nicht gerade das vermeintlich Verrückte normal?"
Viele liebe Grüße
der lieber ein bisschen verrückte :duck:
fridolin
Stefanie M.
07.10.2008, 00:22
Liebe Elisabeth,
ich möchte Dir erneut noch einmal antworten, ohne dass es in diesem Forum zu einem endlosen Dialog führen wird.
Natürlich gibt es oftmals Delirformen und Situationen, die so was von offensichtlich sind, so dass ein Hilfsinstrument zur Diagnose nicht heran gezogen werden muss. Aber auf der Intensivstation sind sehr oft die stillen Formen des hypoaktiven Delirs vertreten und dies bekommt man automatisch nicht mit und nicht so früh, ohne gezielte Beobachtungshinweise.
Des Weiteren ist nicht jede Pflegekraft mit der Kompetenz der Initution gesegnet oder schon so lange in der Intensivpflege, dass Sie wie Du vielleicht jedes Delir mitbekommt. Hier können kriteriengeleitete Beobachtungen sehr hilfreich sein.
Und die Arbeit mit Screening und Assessmentverfahren ist nur ein kleiner Baustein im Delirium-Management. Das Wissen um die Ätiologie und Frühbehandlung ist genau so wichtig, um Risikofaktoren zu erkennen und auszuschalten. Das wäre also bei Einführung eines Diagnoseinstrumentes für das Intensivteam implizit. Ich verweise da gerne auf Lindesay:
Lindesay et al. unterstreichen, dass der alleinige Einsatz eines Screening- und Assessmentverfahren nicht ausreichen wird, um das Aufkommen des Deliriums zu verhindern. Denn die multifaktoriellen Risikofaktoren in der Ätiologie des Deliriums müssen erkannt und ausgeschaltet werden (vg. Lindesay et al. 2003, S. 218 u. S. 220).
Stefanie M.
Stefanie M.
07.10.2008, 00:51
Hi Fridolin,
Danke für Deine nette und amüsante Geschichte der Sitzwache aus den Anfängen Deiner Krankenpflegekarriere. Ich habe ähnlich Bilder und Aufträge mit meinen katholischen Ordensschwestern aus meiner Ausbildungszeit. Da war der Schutz einer höheren Macht wohl näher dran, als die Kompentenz und das Know-How der eigenen Person mit Sonderaufträgen am Bett.
Zum Thema der Sitzwache beim Delirium im heutigen Intensivkontext ist es richtig, dass einige Angehörige damit sehr überfordert sind. Interventionen gehen dahin gehend, präoperativ die Patienten und Angehörigen darüber zu informieren, dass diese Situation durchaus eintreffen kann.
Nach Ewers sollten sie in den Gesprächen auf die mögliche Situation der postoperativen akuten Verwirrtheit und deren klinisches Bild vorbereitet werden, so dass diese nicht überraschend für alle Beteiligten kommt und sie auf diese Situation vorbereitet sind (vgl. Ewers et al. 2003, S. 823).
Manchen hilft dies und die Angehörigen können die Situation handeln. Und dann ist das Intenivpflegepersonal auch nicht ausschließlich mit den Angehörigen beschäftigt.
Darüber hinaus gibt es auch durchaus paradoxe Reaktionen der Delirpatienten auf Besuche. Foreman et al. weisen darauf hin, dass es wichtig ist, den Besuch der Angehörigen ein wenig im Auge zu behalten. Haben die Besucher einen negativen Einfluss auf den Patienten, d. h. hat der Besuch eine Zunahme der Agitiertheit zur Folge, so muss ihre Anzahl als auch die Zeit ihrer Anwesenheit beim Patienten limitiert werden (vgl. Foreman et al. 2003, S. 121).
Abschließend sein darauf hingewiesen, dass Deine empfohlende Frühmobilisation des Patienten als präventive und gleichwohl korrigierde Maßnahme im internationalem Delirium-Management gilt.
Stefanie M.
Stefanie M.
07.10.2008, 01:10
Hi,
Du hast geschrieben, dass die Ärzte die CAM-ICU o.k. finden, die Pflege aber nicht. Ohne Angaben von Gründen.
Kannst Du das vielleicht ausführen?
Dazu vielleicht, um auf den Geschmack zu kommen, eine sehr gute Internetseite http://www.icudelirium.org/delirium/ von Ely und der ICU Delirium and Cognitive Impairment Study Group mit Videos zum Einsatz der CAM-ICU http://www.icudelirium.org/delirium/patient.videos.html .
Stefanie M.
Stefanie M.
07.10.2008, 01:28
Hi Volker,
Danke für die unermüdliche Zusendung der Quellen und den Hinweis auf Pubmed und Cinahl. Über Pdf-Dateien aus dem "Anästhesist" freue ich mich gerne.
Im Rahmen eines pflegewissenschaftlichen Masterstudiengangs, das ich im Mai abgeschlossen habe, waren die oben genannten Datenbanken meine teuren Begleiter und meine wichtigsten Bezugsquellen.
Ich habe im Rahmen der Masterarbeit ein internationales Literatur-Review verfasst zu den präventiven und korrigierenden Maßnahmen bei der akuten Verwirrtheit älterer Menschen auf der Intensivstation, sowie Interventionen der Organisation und Interventionen für das therapeutische Team zusammen getragen und versucht, die jeweiligen Evidenzlevel zu benennen. (Es ist gerade im VDM-Verlag veröffentlicht worden mit dem Titel "Mein Verstand begann mir einen Streich zu spielen (http://astore.amazon.de/zwai-21/detail/3639080262)")
Über Hinweise der Anwendung der deutschsprachigen Kurzversion der CAM-ICU oder der Verwendung von Behandlungsalgorithmen im hiesigen Sektor freue ich mich weiterhin.
Stefanie M.
________________________________________
Link zum Buch durch :zwai: hinzugefügt
Elisabeth
07.10.2008, 11:00
Es gibt objektive Daten= messbare. Egal, wer sie erhebt, er wird immer zum gleichen Ergebnis kommen. (z.B. RR, Kalium, Einfuhr/Ausfur)
Und es gibt subjektive Daten. Diese werden mit dem persönlichen Hintergrund-(wissen) und der eigenen Intuition gewonnen.
Ergo: Eine subjektive Erfassung der Daten stellt eine (Pflege-) diagnose. Hab ichs jetzt richtig verstanden?
Elisabeth
fridolin
07.10.2008, 22:06
Liebe Stefanie M.,
wer, bitteschön, hat denn heute noch die Zeit, präoperativ die Patienten sowie die Angehörigen zu informieren, dass so etwas auftreten kann??? Einmal ganz abgesehen von der pflegerischen - ärztlichen Kompetenz in Sachen "präoperatives Gespräch" bzw. Aufklärung. Die scheint vielfach noch nicht ausreichend zu sein.
Gut, dass Du wissenschaftlich arbeitest - so hast Du gleich noch ein Forschungsthema: "das präoperative (Aufklärungs-) Gespräch".
Nebenbei:
Ich habe keine "Geschichte" erzählt, sondern eine selbst erlebte Tatsache.
Und der Hinweis auf die Frühmobilisation war eher ironisch gemeint, denn für "Spaziergänge" der Patienten auf dem Flur der ITS dürfe heute in der Regel auf diesen Stationen die Zeit fehlen...
(...wie auch leider zu vielen, anderen sinnvollen Dingen...)
Viele liebe Grüße aus der hoffentlich nicht allzu fernen Praxis
fridolin
Elisabeth
08.10.2008, 13:42
Danke.
Elisabeth
Stefanie,
Nicht jede Ablehnung (nee, das wollen wir nicht) wird begründet. Mir schien das Hauptargument (am meisten genannt) „wir schätzen doch schon ein, wir haben eine Skala – also gut ist es jetzt“.
Fridolin, den Begriff habe ich mir vom Orem ausgeliehen (sie schrieb von dem Bedürfnis „normal zu sein“): Meine Interpretation: Menschen sind sehr unterschiedlich, jeder ist auf seine Art „normal“, daher ist es von Bedeutung, jeden so anzunehmen wir sie/er IST. Orem begründet dieses auch mit menschlicher Akzeptanz, Zugehörigkeitsgefühl – ergo, nicht Menschen ausstoßen, nur wenn man/frau eine andere Vorstellung von „normal“ hat. So lange ich kein DGS bzw. Delir habe (Delir BIN?) empfinde ich mich (für mich) „normal“. :)
Vielleicht ist es auch nicht gut, „Es“ DGS zu nennen, es gibt so viele Begriffe dafür, ich wünsche mir 1 Begriff dafür.
Elisabeth, es spricht nichts dagegen, dass Pflegediagnosen sowohl mit subjektiven wie mit objektiven Daten arbeiten.
WomBat, objektiv normal, subjektiv ebenso :) aus meiner Perspektive :D
Pericardinchen
09.10.2008, 00:03
Eine DGS liegt womöglich an der enormen Angst vor einem Krankenhausaufenthalt, vor einer großen OP, unzureichende Aufklärung, fehlender Tag- Nachtrhythmus, Medikamenten (wie z.B. Ketamin), Lärmbelastung durch fallende Gerätschaften (wie Nierenschalen und Co, Gespräche im Flur oder vor dem Patientenbett, Monitore und Co). Aber auch an der OP an sich bzw. dem Anästhesieverfahren...
Es ist bis heute ungeklärt, woher das DGS genau kommt.
Ich vermute, dass es aus vielen Umständen heraus entstehen kann.
Meiner Erfahrung nach viel aus Lärmbelastung und Ängsten. Weniger durch den fehlenden Tag- Nachtrhythmus (der in bestimmten Kombinationen durchaus dann wieder eine beeinflussende Rolle spielt).
Das Problem besteht auch darin, dass häufiger sehr sparsam mit Schlafmitteln umgegangen wird vorallem bei Pat. mit einer großen OP, wo die Neuro beurteilbar bleiben muss und die Organe stark angegriffen sind. Sowohl als auch die respiratorische Geschichte nach Extubation eine enorme Rolle spielt. Glücklicherweise schlafen hin- und wieder mal einige Pat. nach der Extubation erschöpft ein. Es gibt leider immer mehr Pat. die damit nicht klar kommen und dann spielt in diesem Falle tatsächlich der Tag- Nacht- Rhythmus eine durchaus sehr tragende Rolle. Die tragende Rolle hat hierbei immer die Pflege und versucht es mit all ihren Tricks und Möglichkeiten. Wenn es dann nicht mehr geht- ist es meist zu spät und der Pat. hat spätestens dann schon zugeschlagen, gekratzt, gebissen oder sich irgendein Schlauch gezogen.
Also es ist schwierig dort ein einheitliches Konzept zu finden, da dennoch jeder DGS- Pat. individueller als jemals zu vor reagieren kann.
Woran dies wohl liegen kann?
Stefanie M.
09.10.2008, 03:56
Hi Wombat,
ich möchte kurz Deine Anregung aufnehmen zur Verwendung der vielen Synonyme für das Durchgangssyndrom und sich dahin gehend auf einen Begriff zu beziehen. Hasemann et al. schreiben zur Verwendung des Begriffs:
[I]Delirien sind nicht als Stadium eines typischen Krankheitsverlaufs
(z .B . Durchgangssyndrom) zu interpretieren oder als Begleiterscheinung einer Therapie zu akzeptieren . Vielmehr müssen Delirien als ein akutes Krankheitsgeschehen angesehen werden, welches rasches Handeln erfordert .
Quelle: Hasemann, W./ Kressing, R.W./ Pretto, M. et al. (2007b). Delir-Management am Universitätsspital Basel. In: palliativ-ch. Zeitschrift der Schweiz. Gesellschaft für Palliative Medizin, Pflege und Begleitung, Nr.3, S. 4-7
International wird vom Delirium gesprochen, und hier ist nicht die Assoziation wie in Deuschland zu Entzugsdelirien gemeint, sondern die akute Verwirrtheit. Ich habe mich für den Begriff des Deliriums entschieden, der auch klar in den ICD-10 Diagnosen und DSM-IV Kriterien definiert ist.
Das Universitätsspital Basel, das federführend im deutschsprachigem Sektor mit dem interdisziplinärem Management der akuten Verwirrtheit älterer Patienten ist, präferiert den Begriff Delir.
Es wird sich zeigen, welcher Begriff sich langfristig durchsetzen wird.
Stefanie M.
P.S. Und zu Deiner Anmerkung der Verrücktheit am Beispiel der Demenz. Es gibt Autoren, die die Demenz nicht als Krankheit betrachten, sondern einfach als eine andere Lebensfom im Alter zu leben.
arnold kaltwasser
09.10.2008, 10:08
P.S. Und zu Deiner Anmerkung der Verrücktheit am Beispiel der Demenz. Es gibt Autoren, die die Demenz nicht als Krankheit betrachten, sondern einfach als eine andere Lebensfom im Alter zu leben.
ich hoffe ich kann mir das merken bis ich selbst dement bin;)
PS: und Stefanie M.vielen Dank für die kompetenten und qualifizierten Beiträge!
Hallo, @all,
beim Lesen der letzten Beiträge kommt mir Etwas sehr bekannt vor...
Es folgt nun eine wahre Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann.
Vor gut 30 Jahren - also ich war noch jung und hübsch sowie in der Krankenpflegeausbildung - wurde ich durch die damalige Pflegedienstleitung "gebeten", auf einer Station eine nächtliche Sitzwache bei einem Delirpatienten zu übernehmen.
Also bin ich nichts ahnend dahin.
Vor Ort musste ich dann feststellen, das der Patient in einem Alkoholentzugsdelir war und es zu meinen Aufgaben gehörte, den Patienten mittels Distraneurin i.v. zu sedieren.
Folgendes Verfahren kam damals zur Anwendung: Distraneurin per Schwerkraftinfusion - zur zusätzlichen Sicherheit mit einer Peanklemme (natürlich mit unterlegtem Tupfer) abgeklemmt.
Jedesmal wenn der Patient sich bewegte, so sollte ich von der Infusionslösung soviel einlaufen lassen, bis der Pat. wieder gut sediert war. Es waren keine weiterne Überwachungsmöglichkeiten vorhaden, eine Dokumentation der Sedierung erfolgte nicht. Auch wurden die Sitzwachen nicht über mögliche Gefahren aufgeklärt.
Gott sei Dank - der Patient hat die Tortur überlebt - und ich auch.
Spätere Erfahrungen mit "Sitzwachen" durch Angehörige bei Patienten mit Duchgangssyndrom sind sehr geteilt, da viele Angehörigen gar nicht verstehen, warum der früher "normale" Mensch nun gerade "durchgedreht" ist und kosten somit noch sehr viel Zeit und "Nerven" des Pflegepersonals um das DGS den Angehörigen zu erklären. Viele Angehörigen sind offensichtlich mit der Situation DGS völlig überfordert.
Optimal wäre aus meiner Sicht, wenn solche Patienten ohne chemische oder physikalische Fixierung auskämen -. aber auf welcher ITS ist das heute noch leistbar?
Wer es schafft, auf seiner ITS mit den Patienten mehr oder minder regelmäßig über dem Flur zu laufen, der möge doch bitte die freien Stellen hier plazieren, denn wer möchte nicht auf so einer ITS arbeiten?
Viele liebe Grüße
der sitzende
fridolin
Hallo Fridolin!
Diese Nummer kenn ich auch noch! Hat eigentlich immer funktioniert. Kennst Du auch noch Paraldehyd? Wahnsinn, was damals manchmal so gemacht wurde. Heute screenen wir uns zwar bei allen möglichen Dingen einen Wolf, aber manchmal habe ich schon das Gefühl, daß wir eigentlich nicht viel weiter sind.
midnightingale
13.10.2008, 18:43
Hallo Stefanie,
letzte Woche auf dem efccna-Kongress hingen zwei Posterpraesentationen aus den Niederlanden zum Thema CAM-ICU. Einmal aus Nijmegen - erfolgreiche Implementation - und einmal aus Nieuwegein - Vergleich der ICDSC mit der dort offensichtlich standardmaessig verwendeten CAM-ICU.
Die Poster sind im Gegensatz zu den Oral Presentations leider nicht online verfuegbar, aber ich habe beide Kontaktadressen, die ich dir bei Interesse gern maile.
arnold kaltwasser
14.10.2008, 11:18
schon bekannt?
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18291021
kurzer Abriss auf Deutsch in der Pflegezeitschrift 10/2008 576
so long arnold
Stefanie M.
24.10.2008, 03:38
Hi WomBat,
ich bin noch einmal über Deine Zeilen gestolpert, dass viele Kollegen ihre Ablehnung gegenüber Sreening- und Assessmentinstrumente beim Delirium nicht wirklich begründen oder begründen können...
Vielleicht sollte man ihnen direkt den Wind aus den Segeln nehmen bei dieser Haltung und ihnen mitteilen, was den Intensivpatienten, und nicht nur den älteren Patienten, an Folgekomplikationen alles drohen kann, wenn ein Delirium sich (unerkannter Weise) entwickelt hat. Es kann zu einer erhöhten Rate an Folgekomplikationen kommen, wie eine längere Beatmungszeit, Pneumonien, Selbstverletzungen, Sternuminstabilität, erhöhte Morbidität und Mortalität. Die erhöhte Mortalität sogar 6 Monate nach Krankenhausaufenthalt.
Des Weiteren kommt es zu kognitiven Funktionseinschränkungen, die sich nach dem Krankenhausaufenthalt in der Beeintächtigung der Alltagskompetenz zeigt oder in der Beeinträchtigung der beruflichen Tätigkeit! Sehr beeindruckend sind hierzu Fallgeschichten von Patienten, die als ARDS-Patienten in der Akutphase im Delir waren, und von ihren Langzeitfolgen und Beeinträchtigungen berichten. Diese Berichte sind als Patientenvideos auf der Seite icudelirium.org http://www.icudelirium.org/delirium/patient.videos.html zu finden und als Fallgeschichten auf den Seiten der ARDS Foundation. http://www.ardsusa.org/ICUDeliriumandCognitiveImpairment.htm
Und dies sind durchaus nicht Geschichten von älteren Intensivpatienten- es ist sehr bewegend. Ältere Patienten sind übrigens oftmals dahin gehend betroffen, dass das Delir einen subklinischen Demenzprozess auslösen kann und sie mit chronischen kognitiven Funktionseinschränkung aus der Akutphase heraus gehen.
Ich finde, dass sind Argumente genug, bei einer patientenorientierten Sichtweise, Assessments anzuwenden, um ein Delir frühzeitig zu erkenen und zu behandeln. Denn ohne den Einsatz von Delirium-Assessments bleibt nach Pun et al. in 66-84% der Fälle das Delirium beatmeter Patienten vom therapeutischen Intensivteam unentdeckt, selbst von erfahrenen Kräften! (vgl. Pun et al. 2005, S. 1204). Quelle: Pun, B.T./ Gordon, S.M./ Peterson, J.F. et al. ( 2005). Large-scale implementation of sedation and delirium monitoring in the intensive care unit: A report from two medical centers. In: Critical Care Medicine, 33, 6, S. 1199-1205
Und, es gibt Assessments, wie die CAM-ICU, die nur 1-2 Minuten in Anspruch nehmen und eine hohe Diganosekraft haben, besonders bei beatmeten Patienten im hypoaktivem Delir.
Einen schönen Gruß,
Stefanie M.
Stefanie M.
24.10.2008, 04:06
Hallo midnightgale,
ich nehme gerne die Kontaktadressen aus Holland entgegen, Danke für Dein Angebot.
In Deutschland gibt es eine Studie und Veröffentlichung von Plaschke et al. 2008 aus Heidelberg zu dem Vergleich der CAM-ICU und der ICDSC.
Comparison of the confusion assessment method for the intensive care unit (CAM-ICU) with the Intensive Care Delirium Screening Checklist (ICDSC) for delirium in critical care patients gives high agreement rate(s).
In: Intensive Care Med (2008) 34:431–436
Die Testung von Delir-Assessments aus dem internationalem Sektor sowie ihr Vergleich untereinander hat nun auch in Deutschland seit einiger Zeit Einzug gehalten. Es gibt mehr und mehr Veröffentlichungen über die Anwendung der übersetzten Instrumente (nach Vor- und Rückwärtsübersetzung) ins Deuschsprachige und über die Ergebnisse der Validität und Anwenderfreundlichkeit.
Des Weiteren sind in der Schweiz, beispielsweise im Unispital in Zürich, die CAM-ICU und ICDSC im Vergleich auf einer Intensivstation für Herz- und Gefäßchirurgie im Jahr 2005 getestet worden. Hier hat man sich im Anschluss des Forschungsprojektes für die routinemäßige Anwendung der ICDSC entschlossen.
Stefanie M.
Elisabeth
24.10.2008, 10:33
Jeder Pflegeforscher sieht sein Assessment/ seine Skala als unabdingbar an. Es wäre gut, wenn man die Anwender nicht auf die Ankreuzfähigkeit reduzieren würde. Nicht das Assessment/ die Skala macht die Focussierung auf das Problem aus, sondern die damit verbundenen Infos. Und wie gut die Anwendung der Assessments/ Skalen sind hängt entscheidend davon ab.
Bei der erwähnten Studie wäre es interessant zu erfahren wieviel Grundlagenkenntnisse bei den "Nicht-Entdeckern" zum Thema vorhanden war. Denn was bedeutet schon: erfahrene KollegIn- erfahren: worin?
Wenn der Theorie-Praxis-Transfer stets nur neue Papiere mit sich bringt, dann dürfte es zukünftig schwierig werden.
Elisabeth
Liebes Forum und Stephanie,
Ich weis nicht, was der richtige „Schlüssel“ wäre, um Kollegen dazu zu bringen, dieses Phänomen bes. ernst zu nehmen. Auch bin ich mir nicht sicher, ob es wirklich um Stress, Arbeitsbelastung, mehr Papier, keine Zeit (ihr kennt alle diese Liste, deshalb nur ein wenig davon ). Was ich Glaube ist folgendes: Es hat vielleicht etwas mit Verantwortung zu tun, z.B. die Verantwortung dafür (mit-) zu übernehmen, Delir früh zu erkennen (insbes. hypoaktiv Betroffene) um ein best-möglichstes „Outcome“ zu erreichen. Kollegen würden schnell erkennen, dass sie mit diesem Werkzeug ausgestattet, eine riesige Rolle spielen könnten. Diese Verantwortung könnte von mir aus durchaus auch pflegerische verortet sein, allerdings nicht ausschließlich, denn Delir hat so viele mögliche Ursachen, die nicht alleine von einer Berufsgruppe diagnostiziert werden können. Es muss in Kooperation mit den Ärzten geschehen, beide Gruppen müssen sich dieses als Ziel setzen und überlegen, wie (und warum) sie ein „neues Assessmentverfahren“ in den Alltag umsetzen können. Wesentlich fände ich ebenfalls, dass Ärzte unsere Mitarbeit dabei anerkennen und uns den nötigen Respekt erweisen – das ist es ja oft, was uns so schmerzt – als „geringfügig – Beitragende“ angesehen zu werden.
Sicher wäre ein praxis-nahes Schulungspaket sinnvoll. Ely sowie die icu-delirium Website ist ein wunderbarer Anfang – sowie die deutschen Übersetzungen davon.
Kurz:
1) Pflegerische Verantwortung zu übernehmen – im Bereich unseres Könnens – das Erkennen von Delir auf eine Stufe mit z.B. Deku-Risiko Erkennung und
2) enge Zusammenarbeit mit Ärzten, die unseren Beitrag ernst nehmen und schätzen.
Evtl. wäre es auch ein sinnvoller, erster Intensivpflege Experten Standard.
WomBat, Früherkennung des Delirs sollte eine hohe Priorität haben (siehe Daten von Stephanie oder Go to Ely’s Websites)
Stefanie M.
24.10.2008, 23:56
Hi WomBat,
ich möchte den Ansatz der gemeinsamen Verantwortung (Pflegekräfte sowie Ärzte) in Deinem Beitrag aufnehmen, d.h. einer interdisziplinären Herangehensweise bei der Versorgung der Patienten mit akuter Verwirrtheit.
Im Delirium-Management heißt es:
"Ein multfaktorielles Geschehen verlangt multifaktorielles Handeln".
Und dies betrifft, neben den vielfältigen Patienteninterventionen, auch die Organisationsstrukturen eines Krankenhauses und einer Abteilung, die auf ein interdisziplinäres Handeln ausgerichtet sein sollte. Interdisziplinarität, verstanden als eine Teilung der Verantwortung für die Wirksamkeit der Pflege (Brandenburg 2007) und mit gegenseitigem Respekt.
Innovative internationale oder nationale Delirium-Management-Projekte sind inter- oder multidisziplinär ausgerichet und Pflegekräfte übernehmen dabei sogar entscheidende Lotsenfunktionen. Von vielen Autoren wie Milisen et al. wird diese Funktion auch für die Zukunft erwünscht:
Given the results of this review, multicomponent interventions to prevent delirium are the most effective and should be implemented through synergistic cooperation between the various healthcare disciplines. Nurses should play a pivotal role in this, as shown by most of the intervention studies (both prevention and early recognition and treatment).
Quelle: Millisen, K./ Lemiengre, J./ Braes, T. et al. (2005). Multicomponent intervention strategies for managing delirium in hospitalized older people: systematic review. In: Journal of Advanced Nursing, 52, 1, S. 79-90
Ein Beispiel für den Weg der gemeinsamen Verantwortung für das Phänomen der akuten Verwirrtheit sind die anästhesiologisch geführten Intensivstationen der Charite´ Berlin. Hier werden Intensivpflegekräfte und Ärzte in der Anwendung des Assessments CAM-ICU geschult, um dies routinemäßig anzuwenden zu können. Und zwar in der Form, dass die Ärzte morgens bei der klinischen Visite das Assessment durchführen und dokumentieren, im Spät- und Nachtdienst die Pflegekräfte. Ich finde dies einen wunderbaren Ansatz und ich denke, nur so kann es funktionieren.
Zum Thema der Diagnostik in Deutschland muss man dazu sagen, dass es lange Zeit nicht die orginäre Aufgabe einer Pflegekraft war zu diagnostizieren. Dies ist nun mit dem neuem Krankenpflegegesetz Abschnitt 2, §3 formal festgelegt worden:
2a. Erhebung und Feststellung des Pflegebedarfs, Planung, Organisation, Durchführung und Dokumentation der Pflege
Des Weiteren wird die neue Position der Pflegekräfte in der Versorgungsstruktur hervorgehoben mit folgenden Worten:
3. interdisziplinär mit anderen Berufsgruppen zusammenzuarbeiten und dabei multidisziplinäre und berufsübergreifende Lösungen von Gesundheitsproblemen zu entwickeln.
Ich denke, es gibt viele tolle Intensivpflegekräfte, die auch durch Fachweiterbildungen richtig gut am Start sind, diese Aufgaben souverän bekleiden werden und denen auch von anderen Berufsgruppen zugehört wird.
Wichtig ist jedoch, dass die Kultur der Interdisziplinarität im Sinne der Organisationsstruktur und des Top Down Prinzips vorhanden sein muss und wichtig ist, dass Intensivpflegekräfte sich nicht "verstecken" möchten.
Stefanie M.
Stefanie M.
25.10.2008, 00:33
Hi Elisabeth,
ich weiß nicht, in wie weit Du persönlich Kontakt mit Pflegewissenschaft und Pflegeforschung hattest, aber es muss ja anscheinend traumatisch gewesen sein- liest man Deine Zeilen.
Pflegewissenschaft- und Forschung, wie ich sie kennen gelernt habe, sind gerade in Deutschland praxisnah und patientenorientierend. Es geht nicht um die Vorliebe für xyz-Instrumente, sondern ausschließlich um die beste Versorgung der Patienten.
Und wenn Delirium-Assessments, korrespondierend mit der klinischen Expertise einer Pflegekraft, gemeinsam die bestmögliche Früherkennung bewirken können, dann sollte dieses Argument doch in erster Linie für den Patienten sprechen (Outcome) und nicht für die "Vorliebe" des Forschers.
Sollten andere Intensivpflegekräfte wie Du eine solche negative Haltung gegenüber Pflegewissenschaft und Pflegeforschung aufrecht halten und kultivieren, dann kann neues Wissen in der Intensivpflege nicht generiert und implementiert werden.
Stefanie M.
“Nurses should play a pivotal role in this (Delir stuff, Anmerkung WmBt), as shown by most of the intervention studies.”
Hey Stephanie, I’m or you side, never been any place else!
Just trying to cut down on the words in order put this on the practical side. It has to get out of the ivory temple.
Das Benefit wünsche ich mir auf der Patienten-Seite (Sinn der ganzen Sache). Ein Nebeneffekt wäre zu wissen, dass Nörses Ihren wertvollen Beitrag dazu leisten, schlicht, weil sie es Können. Auch wenn es noch nicht alle Wissen. Sie brauchen lediglich eine valide Meßlatte, ich nenne es mal Lineal.
Die Frage ist, werden Sie es tun? Sind sie bereit Verantwortung zu übernehmen und mitzumischen? (und: Wird man sie lassen?) Und was muss getan werden, damit es auch klappt? (Womit ich das Thema „Delegation“ nochmals aufwärmen muss. Delegation von irgendwelchen Tätigkeiten :motz: , ist was anderes, wie Komplexe Themen interdisziplinär anzugehen und der Pflege auch Denken zuzugestehen :jubel: . Damit umsetzen, was die WHO schon seit Jahren fordert -Kooperation der Berufsgruppen für das Beste Ergebnis für Patienten. Früherkennung eines Delirs hat was mit Beobachten, kritische fachliche Interpretationen und evtl. klinische Urteile abzuwägen zu tun. Komisch, bei der Haut - Dekubitus - gesteht man uns das zu, bei anderen Dingens nicht – warum eigentlich? Wo ist der (verdammte) Unterschied?) Wir sind es doch, die 24 Std/T und 365 T/Jahr am Bett sind.
WomBat, Nörses CAN play a pivotal role in this.
PS der Ivory Temple ist uns allen bekannt. Elfenbeinturm.
PS falls ich Patient werden sollte, dann wünsche ich mir den interdiszi-Ansatz, den ich weis, wie fähig die Kolleginnen und Kollegen sind. Nur! man muss Ihnen zuhören und die Möglichkeit geben ihre Assessments (Beobachtungen – nach einem anerkannten Lineal) mitteilen können.
Der Unterschied wäre, dass Beobachtungen nicht persönlichen Mustern folgen, sondern dass allen den gleichen Lineal benutzen um auf das jeweilige zentimenter Delir-Risiko oder Delir zukommen. Womit wir wieder bei Ely und Co sind.
Elisabeth
25.10.2008, 12:06
Ein Lineal hat eine genaue Einteilung- ob ich es benutze oder ein anderer- er wird stets zum gleichen Ergebnis kommen. Ob ich mich auf die Waage stelle oder WomBat schaut drauf- das Ergebnis wird dasselbe bleiben.
Bei dem avisierten Assessment ist dies so nicht möglich. Es gibt nichts quantitativ meßbares. Man kann lediglich die Qualität beschreiben. Und dies geht nur aus dem momentanen Blickwinkel.
Stefanie hat da ungewollte ein schönes Beispiel gegeben: Ich sehe Pflegewissenschaften aus meinem Blickwinkel- von meiner "Wissensinsel" aus. Der Blickwinkel von WomBat ist ein anderer. Und meiner ist noch ein anderer.
Um dem Blickwinkel von Stefanie nahe kommen zu können, bräuchte ich Infos. Und ob ich ihre Infos als sinnbringend erlebe, hängt nicht von ihr ab, sondern ist wiederum von meinen bisherigen Erfahrungen abhängig.
Was will ich sagen: das Instrument ist nur dann geeignet, wenn alle sich einigen die Qualität mit den annähernd selben Worten zu beschreiben. Dieser Bedarf muss von den Anwendern kommen- nicht von den Pflegewissenschaftlern. Pflegewissenschaflter müssen intensive Vorarbeit leisten- die Frage müsste eigentlich heißen: wie vermittle ich meine Erkenntnisse? welche Grundlagen sind bereist vorhanden? Erst dann kann man über ein Assessment nachdenken.
Das das "überstülpen" ausländischer Erkenntnisse bisher immer gescheitert sind kann man schön an den diversen Pflegekonzepten ablesen. Die Grundbedingungen in D sind nunmal nicht mit denen in den USA oder GB zu vergleichen.
Pflegewissenschaften- ich bin mittlerweile mehr als vorsichtig geworden. Zuviele Pseudowissenschaftler segeln unter der Flagge Pflegewissenschaften. Und nicht wenige Erkenntnisse, die uns untergejubelt wurden (siehe die Validität der diversen Skalen) hatten bei näherer Betrachtung keinen Bestand.
Elisabeth
Elisabeth, wenig ist perfekt – aber wir könnten doch mal anfangen daran zu arbeiten! :)
Ich gebe Dir Recht, nämlich das Importe nicht alle und nicht immer gut sind. Auch dass es so erscheint, als wären da einige Pseudowissenschaftler :( unterwegs…Leider. Zurück zu Märchen: Die Guten in das Töpfchen – oder wie heißt das Märchen, in dem diese Entscheidungen getroffen werden müssen?
WomBat, wenn Elizabeth auf die Waage geht und ich mitschaue, OK, nur bitte nicht umgekehrt :D
Elisabeth
25.10.2008, 14:49
WomBat, wenn Elizabeth auf die Waage geht und ich mitschaue, OK, nur bitte nicht umgekehrt :D
Och, das würde dich eher beruhigen als erschrecken- der BMI ist ... sagen wir mal jenseits der *grübel* 30. *gggg* Man isst sich halt ein dickes Fell an. Da bist du bestimmt leichter. *neidischguck*
Zum Thema: Mir geht es nicht um Perfektionismus- das Assessment nimmt aber aus meiner Sicht den Anspruch von perfektes Instrument für sich an. Ohne Hintergrundwissen wird das aber nix weiter als: gelesen, gelacht, gelocht. Und dafür hat die Pflege vor Ort derzeit keine Zeit.
Warum nicht erst ausbilden und dann ggf.- bei Bedarf- das Instrument nachreichen.
Elisabeth
Stefanie M.
26.10.2008, 19:29
Hi WomBat,
damit Wissen, wie Du so schön formuliert hast, nicht im Elfenbeinturm bleibt benötigt es auch in Deutschland "Boten des Wissens", Beispielsweise in Form von Pflegeexperten in Kliniken, die an dieser Schnittstelle arbeiten.
In der Schweiz ist diese Position an allen großen Kliniken etabliert. Pflegeexperten verbinden in ihrer Person die praktische Expertise für ein Fachgebiet, sowie den wissenschaftlichen Background, um bei Erneuerungen nach der besten Evidence der Maßnahmen zu recherchieren und bei der Umsetzung mit zu wirken.
Im hiesigen Sektor ist diese Position noch nicht sehr weit verbreitet, lediglich die Uni Klinik Freiburg arbeitet stark mit Pflegeexperten in jedem großen Fachbereich.
Des Weiteren denke ich, dass die Fachweiterbildungen sehr stark gefragt sind, einmal Themen nach dem neustem Wissenstand zu unterrichten und zum Anderen die Teilnehmer nicht nur in Fach- und Methodenkompetenz zu fördern sondern auch in der personalen Kompetenz.
Dieses wird an vielen Weiterbildungsstätten praktiziert. Mit der Förderung der personalen Kompetenz werden mehr und mehr Intensivpflegekräfte "Aug in Aug" mit den Intensivkollegen und Ärzten debattieren und ihr Handeln begründen. Darin sehe ich stark die Zukunft.
Ansonsten spielt die Intensivleitung, als Vorbild, auch eine große Rolle und vor allem geben sie die "Farbe" vor, welche Kultur auf einer Intensivstation herrscht und wie auch langjährige Mitarbeiter gefördert werden können.
Um den Mut zum Thema des Delirium-Managements nicht zu verlieren, motiviere ich immer mal wieder bei den europäischen Nachbarn. Ich denke, wenn die bewiesen haben mit Clinical Protocols und Guidelines beim Phänomen der akuten Verwirrtheit zu arbeiten, dann sollte dies in Deutschland auch möglich sein. Hier kann die die Seiten der European Delirium Association empfehlen mit der Rubrik Resources und Links.(http://www.europeandeliriumassociation.com/resources.htm)
(http://www.europeandeliriumassociation.com/links.htm)
Ich denke, das Thema ist hier noch nicht soweit. Aber es wird irgendwann in den Kliniken ankommen. Spätestens mit dem Thema "der alte Mensch im Krankenhaus" und dem Blick auf die demografischen Entwicklungen.
Stefanie M.
In eigener Sache:
Wertes Forum.
Schleichwerbung stößt Euch und uns in diesem Forum immer sauer auf. Deshalb möchten wir an dieser Stelle nicht schleichend, sondern klappernd und ganz offiziell auf Stefanies Buch zum Thema hinweisen, das es u.a. im :zwai:-zwaitbuch-Laden (http://astore.amazon.de/zwai-21/) zu kaufen gibt:
"Mein Verstand begann mir einen Streich zu spielen.": Interventionen und Strategien bei intensivpflegebedürftigen alten Menschenim Delirium (http://astore.amazon.de/zwai-21/detail/3639080262)
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Und nun weiter im Thema...
Elisabeth, wenn dann nur privat - wir beide :D zum Assessement "Wiegen"
Stephanie, Du hast uns von der Charite erzählt, also ist es nicht SO weit weg.
Alles was Du geschrieben hast, Tut Mir Mal Wieder Weh.
Verdammt, warum sind wir in der BRD immer so... zäh?
Nein, ich will mir es nicht selbst beantworten. Vielleicht ver-renne ich mich dabei. Was sagst Du dazu?
Egal, ich finde es wichtig, dass Pflegende weiterhin Frühwarnsysteme sind (wie schon so lange). Und im Bereich "Delir" könne wir durchaus einen Beitrag leisten - alle Daten sprechen dafür.
WomBat, mal wieder am Grübeln, warum bei uns in der Pflege hier alles so verdammt zäh ist.
Zusatz nach dem Lesen des letzen Beitrags:
Somit hat Zwai eine weitere Bedeutung:
Zuerst Wach, Aber Intensiv!
WomBat
PS Darf ich immer noch Euro in DM umrechnen? 79 = fast 160….
PS Delir bei Intensivpatienten ist wichtig, weil so viele Konsequenzen. Steph, sag’ doch gleich, dass es ein Buch gibt. Dann muss ich nicht so viel nachdenken….
Stefanie M.
26.10.2008, 21:48
"Es ist bis heute ungeklärt, woher das DGS genau kommt... Meiner Erfahrung nach viel aus Lärmbelastung und Ängsten. Weniger durch den fehlenden Tag- Nachtrhythmus (der in bestimmten Kombinationen durchaus dann wieder eine beeinflussende Rolle spielt)."
Hi liebe Autorin,
es ist interessant zu lesen, dass Deine Erfahrung und Beoabachtung weniger den fehlenden Schlaf-Wach-Rhythmus als Auslöser für ein Delirium gezeigt habt. Dies ist, neben den anderen von Dir genannten Faktoren, jedoch ein nicht unbekannter Auslöser in der Ätiologie des Deliriums.
Es wird in der Ätiologie des Delirs von prädisponierenden Faktoren gesprochen, die die Patienten bei der Aufnahme mitbringen (Vulnerabiltät) und von den präzipitierenden Risikofaktoren, also den herbeiführenden Faktoren (exogenen Noxen), im Krankenhaus und auf der Intensivstation.
Es konnten bislang als signifikante präzipitierende Risikofaktoren die Verabreichung von drei oder mehr oder aber neuen Medikamenten, iatrogene Komplikationen, Harnableitung über einen Blasenkatheter oder die Anwendung einer Fixierung identifiziert werden. Andere umgebungsbedingte präzipitierende Faktoren sind noch nicht als gültige auslösende Faktoren nachgewiesen worden. Ihre Wirkkraft auf die Ätiologie des Deliriums wird unterschiedlich diskutiert (vgl. Hewer 2003, S. A2008 f. u. Schuurmans et al. 2004, S. 142 f.).
Zusammenfassend kann das multifaktorielle Geschehen und die
Ätiologie eines Deliriums auf eine einfache Formel gebracht werden:
- Prädisposition mit hoher Vulnerabilität + schwache exogene Noxen = Delirium
- Prädisposition mit geringer Vulnerabiltität + potente exogene Noxen = Delirium (vgl. Perrar et al. 2007, S. 136).
Also je nachdem was der Patient, besonders der ältere Patient, als Prädisposition mitbringt (und die Liste der Risikofaktoren ist lang), ist gerade auf der Intensivstation ein Delirium fast nicht vermeidbar.
Ein ungestörter Schlaf-Wach-Rhythmus und die adäquate Schmerzbehandlung ist jedoch eine präventive sowie korrigierende Maßnahme beim Delirium-Management.
Stefanie M.
Stefanie M.
26.10.2008, 22:08
Verdammt, warum sind wir in der BRD immer so... zäh?
Kleine Antwort darauf: Weil wir uns erstmal flächendeckend von der "Alten Heimat" ablösen müssen, um dann zur "Neuen Heimat" zu kommen.
Und bei diesen Prozessen gibt es nach Axmacher immer ein wenig Heimatverlust zu spüren/beobachten. Sprich Menschen, die sich ungern von ihrem Liebgewonnenem lösen und mit aller Kraft es festhalten.
Stefanie M.
Elisabeth
27.10.2008, 15:11
Gibt es außer dem (teuren) Buch auch eine Idee, wie man den Inhalt im Unterricht vermitteln kann?
Elisabeth
Stefanie M.
27.10.2008, 18:45
Hi Elisabeth,
wie kann man das Thema Delirium in der Fachweiterbildung angehen und die Teilnehmer für das Thema sensibilisieren?
Erfahrungen haben gezeigt, auch in der klinischen Praxis bei den Pflegekräften, dass ein kleiner informeller Wissenstest vorab und dann der Abgleich mit den aktuellen Erkenntnissen über die Ätiologie des Delirs, die Abgrenzung der Symptomatik von der Demenz oder Depression, die verschiedenen Formen des Delirs sowie die Möglichkeiten der Prävention und Behandlung große Aha-Effekte erzielt haben und ein Zuhören für dieses Phänomen.
Des Weiteren sollte im Unterricht oder in Schulungen besonders auf die Vielzahl der Folgekomplikationen hingewiesen werden, und hier vor allem für die älteren Menschen, denn die Komplikationen sind gravierend für diese Gruppe.
In der Studie von Klugkist et al. in der Herzchirugie in Lübeck konnten sehr gut die Komplikationen bei Delir und Nicht-Delir festgestellt werden. Klugkist, M./ Sedemund-Adib, B./ Schmidtke, C. e al. (2008). Confusion Assessment Method fort he Intensive Care Unit (ICU). In: der Anästhesist, Volume 57, Nr. 5, S. 464-774)
Also es gibt auch Erkenntnisse aus dem deutschsprachigem Sektor.
Abrunden kann man den Unterricht mit der Information, dass auch eine negative Sichtweise auf den alten Menschen oder ein Blick der Pflegekräfte, der ausschließlich auf die Akutmedizin gerichtet ist, schon als präzitipierender Risikofaktor in der Ätiologie des Delirs gilt.
Dass sollte für eine erste Sensibilisierung im Unterricht reichen.
Stefanie M.
Elisabeth
27.10.2008, 20:20
Ich merke mal wieder- ich bin nicht alleine mit meinen Gedanken- Danke dafür.
Elisabeth
PS @Stefanie, werd versuchen deine Idee im Fortbildungskatalog unterzubringen- und hier nicht nur für die "Pflegeelite". *fg*
Elisabeth
28.10.2008, 20:05
Zum Thema fällt mir auch nix mehr ein... die Pflegewissenschaften und ihre Auswirkungen finde ich nach wie vor interessant. Deshalb die Bitte mit dem "Strang" teilen.
Elisabeth
Wertes Forum.
Dieser Thread war zwischenzeitlich etwas vom Thema abgekommen. Danke, Elisabeth, für den Hinweis.
Akademiker und Nicht-Akademiker können sich nun >>>hier<<< (http://forum.zwai.net/showthread.php?t=1560) beackern, die entsprechenden Beiträge aus diesem Thread sind dorthin verschoben.
Hier geht's weiter mit DGS.
Grüßle,
HolBeu
CHANG YL et al.
Prevalence and Risk Factors for Postoperative Delirium in a Cardiovascular Intensive Care Unit.
2008
DEVLIN JW et al.
Assessment of Delirium in the Intensive Care Unit: Nursing Practices And Perceptions.
2008
WomBat
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