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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Medikamentenzumischung in parenterale Ernährung



Martin Allgeier
19.01.2005, 09:59
Liebe Kolleginnen
Liebe Kollegen

Nochmals eine Hygienefrage ans Forum:

In den Richtlinien des Robert-Koch-Instituts gibt es keine klaren Richtlinien zum Thema "Zumischen von Medikamenten in parenterale Ernährung". Wohl gibt es Anweisungen zum Zumischen generell, es wird allerdings nicht differenziert zwischen kristalloiden Lösungen und Lösungen zur parenteralen Ernährung. Aber gerade Ernährungslösungen geben bei Raumtemperatur einen hervorragenden Nährboden für Mikroorganismen ab.

Argumente dafür und dagegen:

Für das Zumischen von Medikamenten gerade in diese Lösungen spricht die lange Laufzeit, es muss nur einmal punktiert werden.

Die pharmakologische und chemische Kompatibilität ist meist gegeben.

Dagegen spricht eine Laufzeit von > 6 Stunden.

Dafür spricht, dass es kaum (bis gar keine) Berichte darüber zu lesen gibt, dass mikrobiell verunreinigte parenterale Nährlösungen mit Zumischung als Grund einer Sepsis zu finden waren.

Dagegen spricht, dass es sogar in der Gastronomie klare Richtlinien für Lebensmittel gibt, die bei Raumtemperatur gelagert werden. Warum sollten dann für AKE mit Bepanthen und Paspertin andere Regeln gelten als für Tiramisu oder Kartoffelsalat?

Werden bei Ihnen Medikamente als Boli verabreicht, zu Elektrolytlösungen oder in die Ernährungslösung zugemischt?

Mit besten Grüßen aus Herrenberg
Martin Allgeier

Quelle für die Grafiken:

Tabellarischer Verlauf des Bakterienwachstums in:
Christiansen B., Grabowski B., Kirstein P.: Arbeitsbuch Hygiene, 1. Aufl, Gustav Fischer, Stuttgart, 1995, Seite 4

Kurvenverlauf des Bakterienwachstums:
Eigene Excel-Kurve der o.g. Wachstumsdaten

Zitat:"Die Vermehrung der Bakterien erfolgt durch Querteilung, die Generationszeit (Zeit zwischen zwei Teilungen) liegt bei vielen Bakterien nur zwischen 15 und 30 Minuten, wenn die Umgebungsbedingungen günstig sind. (...)

Dies bedeutet trifft für die o.g. Fragestellung beides zu:
- Raumtemperatur
- Ernährungslösung als guter Nährboden.

Tempo
19.01.2005, 16:56
Tiramisu und Kartoffelsalat werden ja auch nicht sterilisiert angeboten und wenn Du es nicht gerade bei 35C° stundenlang stehen lässt, kannst Du auch noch am nächsten Tag davon naschen.
Ernährungslösungen sind ja steril und bei Einhaltung steriler Kautelen ist die Keimpopulation so verschwindend gering, daß sie völlig zu vernachlässigen ist. Anders sieht das natürlich bei Fettlösungen aus.

Ambu das Beuteltier
20.01.2005, 00:21
Hallo Kollegen,
da stellt sich mir doch die Frage welches Medikament soll noch wie gezielt wirken können wenn es über den Dauertropf über die Ernährungslösung mitläuft?

Da bin ich eher Fan der Kurzinfusionen oder direkten Spritzenapplikation.

Gruß, T.

FireBIPAP
20.01.2005, 01:15
Hallo!

Ich bin auch gerade überfragt um welche Medikamente es sich handelt.
Klar kommt schon mal in eine Fettinfusion Fettlösliche Medikamente,
Aber welche MEDIKAMENTE werden mit einer G40% oder AS10% (u.s.w.) gegeben?

CU Simon

arnold kaltwasser
20.01.2005, 08:43
bei der Zumischung von Medikamenten in Ernährungslöungen geht es auch um die Stabilität der Medikamente, d. h. Inkompotabilitäten. Die Listen die es teilw. für z. B. Aminomix gibt bedeuten nur, dass das Aminomix stabil bleibt. Über das Medikament keine Aussage. Also es fehlt häufig eine Bescheinigung von beiden Lösungen (wären auch unendlich viele Kombinationsmöglichkeiten)
Allein das ist ein Grund Medikamente und wenn möglich nur eines in eine Trägerlösung zu geben.
so long arnold

Tempo
20.01.2005, 09:16
Ich kenne es auch nur so wie Ambu. Medikamente in Kurzinfusionen, oder aus der Hand. In Ernährungslösungen geben wir nur Zusätze wie Inzolen, Tracutil, Kalium u.s.w.!
Stürmische grüße aus dem Norden

arnold kaltwasser
20.01.2005, 10:14
zur info
http://www.kik-service.de/

so long arnold

WomBat
20.01.2005, 17:44
Aus Hygiene- und Wirksamkeitsgründen bevorzuge ich Tiramisuff.

Bei der Zumischung von Amaretto darauf achten, dass die Dosierung verdoppelt wird, nur b.B. den Espresso Anteil erhöhen (z.B. bradykarde Phasen während der Zubereitung). Alternativ kann dieses berechnet werden über ml (A) x kg/KG der zu erwartenden Gäste.

Die tägliche Dosis "Zentrum Silber" kann separat oral appliziert werden.

Erfahrungs-Evidenz :) nach Wombat

PS http://www.kingguide.com/critical_care_edition.htm

Christoph
20.01.2005, 19:28
Hallo

bei uns werden nur Elektrolyte oder fettlösliche Vitamine zugemischt. Medikamente gibt es nur per Kurze, Bolus oder Perfusor.


Grüße

Christoph

Hanno H. Endres
20.01.2005, 23:02
Hallo Martin.


Dagegen spricht eine Laufzeit von > 6 Stunden.

Verrätst du uns noch, woher die Zahlen (und die Grafiken im Anhang) stammen?

Besten Dank,

hhe

Martin Allgeier
21.01.2005, 08:58
:danke: für den Hinweis.

Sorry, hab die Quellenangabe vergessen, wahrscheinlich, weil die Vermehrung von Bakterien so augenscheinlich simpel abläuft. Hab es auch im Eingangsthema eingefügt.

Quelle für die Grafiken:

Tabellarischer Verlauf des Bakterienwachstums in:
Christiansen B., Grabowski B., Kirstein P.: Arbeitsbuch Hygiene, 1. Aufl, Gustav Fischer, Stuttgart, 1995, Seite 4

Kurvenverlauf des Bakterienwachstums:
Eigene Excel-Kurve der o.g. Wachstumsdaten

Zitat:"Die Vermehrung der Bakterien erfolgt durch Querteilung, die Generationszeit (Zeit zwischen zwei Teilungen) liegt bei vielen Bakterien nur zwischen 15 und 30 Minuten, wenn die Umgebungsbedingungen günstig sind. (...)

Dies bedeutet trifft für die o.g. Fragestellung beides zu:
- Raumtemperatur
- Ernährungslösung als guter Nährboden.

Beste Grüße aus Herrenberg
Martin Allgeier

Arion
24.01.2005, 10:40
Hallo Herr Allgeier,
zu Ihren Äußerungen Pharmaka und TPN leider eine kritische Stellungnahme.
Ich gehe einmal davon aus, dass der Zusatz der Medikation in die Infusionslösungen hygienisch einwandfrei und validiert erfolgt. Damit blende ich das Verkeimungsrisko jetzt bewusst aus.
Als Träger für Pharmaka sind Lösungen der TPN höchst ungeeignet.
Dagegen sprechen viele Gründe, die ja auch von anderen Teilnehmern des Forums schon vorgebracht wurden.
1. Kompatibilität
Beispiel: Dormicum in Aminomix
Aussage des Infusionsherstellers : kompatibel
Dummerweise: Midazolam fällt bereits bei einem pH bei ca. 5
Beispiel : Lasix
inkompatibel mit Glukose, inkompatibel mit Aminosäurelösungen, inkompatibel mit Fett. wohin also ?
ich kann diese Liste beliebig lang fortsetzen.

2. Dosierung pro Zeiteinheit
Wie wollen Sie die Zufuhr eines Pharmakons steuern, wenn Sie ernähren wollen. Beliebtes Beipsiel. Insulin in G 40 %.
Welchen der beiden Partner wollen Sie wie steuern ?
Wie behandlen Sie z.B. die Insulinverluste durch Fällung des Insulins im sauren Milieu ? .....

3. Stabilität
Viele Pharmaka sind:
oxidationsempfindlich
lichtempfindlich
pH-empfindlich
Wie wollen Sie dieses Problem lösen ? Aus meiner täglichen Praxis.
Im Wochenrhythmus Anfragen, ob ein bestimmtes Pharmakon unter Lichtschutz appliziert werden muss.

Auf den Punkt gebracht:
Kohlenhydratlösungen sind geeignet für:
Elektrolytzusatz, wenn kompatibel
Spurenelemente, wenn kompatibel
Vitamine, wenn kompatibel, ggf. kurz vor Ende der Infusion, also als Kurzinfu
Aminosäuren geeignet für:
ja wen denn, allenfalls Elkomix und ähnliches
Fette geeignet für:
Fettlösliche Vitamine
3 - Kammer - Mischbeutel geeignet für:
Elektrolyte, Spurenelemente, Vitamine
usw.
Wenn man sich mal mit der Pharmakokinetik beschäftigt.
Viele Pharmaka sind schon deshalb in länger laufenden Infusionslösungen fehlplatziert.
Und zum Schluß noch eine ketzerische Frage.
Bei wievielen Medikamenten in einer Ernährungslösung soll eigentlich Schluß sein ?

Meine klare Meinung:
Medikamente gehören nicht in die TPN !!!!

- was im Übrigen ja auch in den anderen Beiträgen zum Ausdruck kam.

Gruss Arion

P.S. Literaturtip: Das Buch i.v. aus dem Verlag Urban und Fischer
- enthält ca. 100 Seiten zu diesem Problem !
internet, bereits von arnold kaltwasser genannt kik-service.de

Martin Allgeier
24.01.2005, 11:11
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen

:danke:

Schönen Dank für die vielen und guten Tipps bezüglich meines Anliegens. In allen (!) diesen Punkten geben ich Ihnen recht. Die Frage der Kompatibilität ist m.E. ordentlich im Bewusstsein der Intensivpflegenden verankert.

Dennoch finden sich in der Praxis immer wieder ärztliche Verordnungen, die eine Applikation von Medikamenten (und hierzu zählen für mich auch Elektrolyte und Vitamine) via parenteraler Ernährungslösung vorsehen. Gerne hätte ich - neben den pharmakologischen Gründen - nun auch mit hygienischen und mikrobiologischen Fakten gegen eine Zumischung argumentiert. Dazu fehlt mir aber der Evidenznachweis eines solchen Verbots 'aus hygienischer bzw. mikrobiologischer Sicht' und die Veröffentlichung dazu.

Mit besten Grüßen aus Herrenberg
Martin Allgeier