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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Weiterverwendung von TIVA-Sets?



Tommy
13.10.2004, 18:08
Hallo zusammen,
wir sind gerade leicht verunsichert! Wir verwenden die mit Rückschlagventilen versehenen TIVA-Sets und versehen diese mit einer weiteren Verlängerung ( ebenfalls mit Rückschlagventil ). Vor jedem Patientenwechsel wird die Verlängerung ausgetauscht, das Set aber weiterverwendet. Gibt es zu dieser Vorgehensweise mittlerweile Richtlinien?
Vielen Dank für Hinweise

PICCOlina
14.10.2004, 01:46
Hallo,
in "unserer" Anästhesie wird es auch so gehandhabt. Der Hersteller unserer Rückschlagventile sagt ganz klar, dass die Dichtigkeit nicht garantiert werden kann. Damit wäre eine Keimbesiedelung möglich. Und eigentlich dürften wir es dann so nicht machen. Eine Richtlinie habe ich bisher noch nicht gefunden.

Gruß PICCOlina

Hanno H. Endres
14.10.2004, 02:08
Hallo Tommy.

Altes Thema mit derzeit wenig neuen Erkenntnissen.

Fakt ist, dass zum Mehrfachgebrauch derzeit keine Spritze zugelassen ist.

Ebenso ist Fakt, fass Rückschlagventile nicht als Bakterienfilter fungieren können.

Für eine Einsparung von maximal 1o Euro nimmt man also bei Wiederverwendung des Sets ein Infektionsrisiko in Kauf - die Negativpresse (http://www.hr-online.de/website/rubriken/nachrichten/index.jsp?rubrik=5710&key=standard_document_2391684) ist da meiner Ansicht nach schon vorprogrammiert...

Anbei dazu noch zwei Literaturstellen, die noch absolut aktuell sind.

Nicht wiederverwendete Grüße,

hhe


- intensiv 2003; 11: 56-57


TIVA: Schluss mit der Verschwendung von Medikamentenresten!?Dem Problem halbleerer Spritzen widmete sich das 24. Münsteraner Anästhesiesymposium in 3 Vorträgen jeweils aus Sicht des Anwenders, des Hygienikers und des Juristen.

Trotz der ausführlichen Beleuchtung des Themas wollten sich Referenten und Vorsitzende nicht auf eine einheitliche und allgemeingültige Empfehlung einigen. Es sind weiterhin die besonderen Hinweise des Herstellers zu beachten - im Zweifelsfall geht also die bestmögliche Sicherheit des Patienten vor ökonomischen Gesichtspunkten.

Das Plenum vor Ort hielt die Mehrfachentnahme zwar für vertretbar, letztlich müsse aber unter Berücksichtigung von Hygieneplan und -monitoring jedes Haus individuelle Richtlinien erstellen. (hhe)

- Ärzte Zeitung, 22.01.2003


Diskussion um Hygiene bei der Kurzsedierung
Infektionsgefahr bei Mehrfachverwendung von Spritzen?

MÜNSTER (BA). Wird bei ambulanten Eingriffen eine Kurzsedierung benötigt, erfolgt dies meist mit dem Sedativum Propofol über einen Perfusor. Gerade bei kurzen Eingriffen wird jedoch oft nur ein Bruchteil des Spritzeninhalts benötigt. Was tun mit dem teuren Rest? Verwerfen, oder ist die Weiterverwendung hygienisch vertretbar?

Die weit verbreitete Praxis, nur das patientennahe Schlauchsystem auszuwechseln und die Spritze für den nächsten Patienten zu belassen, wurde beim 34. Münsteraner Anästhesie-Symposium heftig diskutiert. Für die Weiterverwendung der angebrochenen Spritzen plädierte Professor Joachim Radke vom Klinikum der Martin-Luther-Universität in Halle. Sein Argument: Wird eine Perfusorleitung mit Rückschlagventil verwendet, entspreche dies einer Einbahnstraße, die die Bakterienwanderung nach oben verhindere.

Dementgegen stehen Beobachtungen, nach denen sich relativ rasch eine retrograde bakterielle Kontamination durch Ausbildung eines Biofilms aus Bakterien entwickeln kann. Darauf hat Professor Helge Karch vom Institut für Hygiene des Universitätsklinikums Münster hingewiesen. Bei lipidhaltigen Lösungen - zu denen auch das Propofol zählt - kann bereits nach drei bis vier Stunden ein Biofilm gewachsen sein. Auf der Grundlage, daß sich Bakterien alle 20 Minuten verdoppeln, könnten bei optimalen Wachstumsbedingungen aus einem Keim nach acht Stunden acht Millionen Keime entstehen. Erst ab Keimzahlen von über zehn Millionen trete eine auch optisch erkennbare Verfärbung von Medikamenten auf.

Allerdings, räumte der Wissenschaftler ein, ist der tatsächliche Bakterienfluß und damit die klinische Relevanz dieser Biofilmbildung noch nicht ausreichend untersucht. Weitere Studien dazu sind dringend notwendig.

Wie unzuverlässig im Einzelfall ein Rückschlagventil sein kann, demonstrierte Professor Dr. Jan Baum vom Krankenhaus St. Elisabeth-Stift in Damme: Bei Blutdruckmessung am selben Arm und damit einem gewissen Druckaufbau floß trotz des Rückschlagventils Blut zurück.

Bei der derzeit unsicheren Datenlage könnten die Richtlinien des Nationalen Referenzzentrums für Krankenhaushygiene (http://www.medizin.fu-berlin.de/hygiene/index1.htm) als Handlungsmaxime genommen werden. Dieses Gremium, dem auch der Freiburger Hygiene-Experte Professor Franz Daschner angehört, empfiehlt, alle Komponenten des Systems, also auch die Perfusorspritzen, von Patient zu Patient zu wechseln. Zwar könnten Rückschlagventile den Rückfluß bei Flußumkehr verhindern, aber es gebe keine Untersuchung dazu, daß auch die Diffusion gegen die Flußrichtung durch das Ventil sicher verhindert werden kann, so die Argumentation.

Tobi Bo
20.10.2004, 05:40
UNd was ist, wenn eine Klinik das trotzdem macht und eine Infektion dadurch nachgewiesen wird?

Wer kann dafür haftbar gemacht werden?

:confused: tobi

PICCOlina
23.10.2004, 14:54
Hi,
Ich glaube nicht, dass eine Infektion aus diesem Grunde so leicht nachweisbar wäre:
Der Patient erleidet die Infektion, er muss ja erstmal "darauf kommen", das es vom TIVA set sein könnte..... :-o
Da kommen dann soviele "andere Dinge" ins Spiel......
Ich bin da sehr skeptisch, leider :(

Gruß PICCOlina

Hanno H. Endres
28.12.2004, 19:20
Etwas mehr Negativpresse gibt's aus Detmold (http://www.nw-news.de/nw/news/owl_/_nrw/?sid=238a191e87fe419621e73535cd44e0c6&cnt=326987):


DETMOLD: 19-Jähriger durch verunreinigtes Narkosemittel vergiftet

Ermittlungen gegen Anästhesisten - Approbation vorläufig entzogen

Detmold (nw). Durch ein verunreinigtes Narkosemittel ist ein 19-jähriger Mann aus Lippe in der vergangenen Woche vergiftet worden. Der Gesundheitszustand des Lippers hat sich über die Feiertage etwas stabilisiert, ist aber weiterhin ernst. Gegen den aus dem Kreis Lippe stammenden Anästhesisten wird nun seitens der Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt. Die Bezirksregierung Detmold hat dem Arzt die Approbation zunächst vorläufig entzogen. [...]

Aufgrund des lebensbedrohenden Gesundheitszustandes war dann am 22. Dezember eine Verlegung in eine Hannoveraner Spezialklinik notwendig geworden. In dieser Spezialklinik konnte dann diagnostiziert werden, dass der einer Vergiftung ähnelnde Krankheitsverlauf vermutlich auf eine Verunreinigung eines Narkosemittels bei dem Eingriff am Montag zurückzuführen war. Diese Spezialklinik hat dann am 23. Dezember die Polizei informiert. Sofort eingeleitete Ermittlungen der Kripo Lippe ergaben, dass neben diesem jungen Mann noch weitere acht Patienten in der betreffenden Praxis mit dem gleichen Narkosemittel behandelt worden waren.

Diskussionen zur Negativpresse bei mehrfach benutzten Kanülen finden dahingegen weiterhin hier (http://forum.ml01.de/showthread.php?t=262) statt ;) .

Schönen Abend,

hhe

Ambu das Beuteltier
28.12.2004, 22:02
Hey Anästheten- und innen,

Ich nehme mir inzwischen heraus die Spritzensysteme incl. allem zu verwerfen. Sollte ich dennoch hin und wieder in Diskussionen über Kosten der Artikel und Medikamente verwickelt werden halte ich dem Gegenüber zum Einen das bereits oben zitierte RKI und das Nationale Referenzzentrum KKH-Hygiene entgegen und zum Anderen die Kostenlawine die ein einziger Patient auf Intensivstation verursacht wenn er an iatrogen verursachten septischen Komplikationen erkrankt.

Meist ist dann die Diskussion beendet. Falls nicht benutze ich geringere Mengen pro Spritze sodass sich die weitere Verwendung der Komponenten nicht lohnt.

Gruß, T.

...auch der Straßengraben kann, kontinuierlich beschritten, zum Ziel führen... :rolleyes:

maiwald
04.01.2005, 13:42
Tach auch,

Kosten/Nutzen/Risiken

Das sind doch die entscheidenden Schlagworte des Controlling. Die Risiken sind doch klar beim Anwender, da die Pharmafirmen eindeutig in der Produktinfo darauf hinweisen, dass nur eine Spritze bei einem Patienten zu verwenden ist.
Was ist nun maßgebend? Der Spareffekt und das hohe, beim Anwender liegende Risiko oder Patientensicherheit..?

Eins ist ja wohl sicher: keine Sepsis ist so billig wie 100 verworfene TIVA-Systeme!

arnold kaltwasser
19.07.2007, 12:02
in dem Zusammenhang, ein interessantes Urteil
http://www.zeit.de/news/artikel/2007/07/18/2341752.xml

so long arnold

andreasuhl
19.07.2007, 17:51
Da gibt es einen interessanten Fall der im Deutschen Ärzteblatt publiziert wurde :
Patient A erhält Narkose
Patient B erhält Narkose
Patient C erhält Narkose

Patient A war Hapatitis C pos, dies war nicht bekannt
Patient B wird über das TIVA Set kontaminiert

Patient B geht Blutspenden
Blut von Patient B belommt ein Empfänger der ebenfalls infiziert wird.

Ein weitere Patient wird durch Patient B infiziert nachdem Patient B, diesmal als erster Patient eine Narkose bekam

Erst jetzt wird recherchiert.

Die Staatsanwaltschaft beschlagt im Krankenhaus alle Unterlagen des Einkaufes.
Dabei fällt auf, daß deutlich weniger Spritzen verbaucht als Narkosen durchgeführt wurden.

Noch Fragen?

Sören Lösche
20.07.2007, 08:22
Hallo liebe zwaimeinde,
ist doch übersichtlich: Wer auch immer ein Einmalprodukt ein zweites mal benutzt, muss für die Folgen einstehen. Da kann sich keine Fachpflegekraft rausreden. Dafür sind wir Fachkräfte. Ich empfehle eine schriftliche Anfrage beim obersten Verantwortlichen für die Hygiene.
Bei uns z.B. gibt es eine Hygienekommission, der der ärztl. Direktor vorsitzt. Der hat seine fachlichen Berater. Wir haben eine Hygienerichtlinie entwickelt, wie mit TIVA - Sets umzugehen ist. Diese Richtlinie ist im allgemeinen Hygieneplan und der hat den Status der Dienstanweisung. In der Diskussion mit Ober- oder Chefärzten bekommt man letzlich keine juristische Absicherung.
Sören

Hanno H. Endres
20.07.2007, 08:49
Da gibt es einen interessanten Fall der im Deutschen Ärzteblatt publiziert wurde [...]

:guck mal: Einmal ist keinmal (http://forum.zwai.net/showthread.php?t=832)