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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Anwendung von Haes 6%



Monty
12.09.2004, 15:45
Hallo!

Wie wird bei euch Haes 6% im OP und ITS appliziert? Bevorzugterweise periphervenös oder zentralvenös? Welche Aussagen treffen eure Ärzte im Bezug auf die zentralvenöse (schnelle) Applikation von Haes 6% bei Lungenkontusionen (bzgl. der (Neben-)Wirkung von Haes, wenn es ins Kontusionsgebiet gelangt)?

Folgende Fragestellung durch einen Praxisanleiter ergab sich:
Ist das Verdünnungsverhältnis/Vermischung von Haes 6% (in der Pulmonalarterie/rechten Vorhof) entscheidend anders, wenn man Haes periphervenös oder zentralvenös bei gleicher Laufgeschwindigkeit appliziert?
Gehen wir bei der Fragestellung von idealen Bedingungen aus, also keine periphere Rückflußstauung, keine Gefäßanomalien,... .
Reagiert Haes 6% im Blut bzgl. Flüssigkeitsbindung,... oder dient die Hydroxethylstärke in der Konzentration von 6% nur dem Selbstzweck, dass die Infusionsmenge in sich selbst länger im Blut gebunden bleibt? Hat Haes 6% eine onkotische Wirkung (Osmolarität ist klar, 208 mmol/l), und ist so eine längere Wirkzeit im Blut nötig, damit sich der Volumeneffekt verbessert?

(Noch eine gedankliche Anregung bzgl. periphervenöser vs. zentralvenöser Gabe: Es gibt 3 Flüsse, welche in einen großen Fluß münden und dieser dann ins Meer. Alle 3 Flüsse haben zwar unterschiedliche, aber konstante Flußgeschwindigkeiten (Volumen pro Zeit). Also ist die Addition der 3 Flüsse in ihrem Volumen die Menge in ihrem großen Fluß. Ist es nun egal, ob ich eine fest definierte Menge Farbe in einen der 3 Zuflüsse kippe oder gleich in den Hauptfluß, wenn es um die Farbkonzentration beim Einmünden ins Meer geht?)

Danke für eure Antworten,
Monty

arnold kaltwasser
03.12.2010, 20:06
mmhhh...:(
http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,731928,00.html
so long arnold

Monty
04.12.2010, 12:33
Huch, so ne Überraschung!

Respekt Arnold, das du nach 6 Jahren den Thread noch findest.

Hab allerdings immer noch keinen Lösungsvorschlag für diese Frage.

Gruß,
Monty

fridolin
05.12.2010, 14:46
So, nun will ich, auch nach 6 Jahren, versuchen Monty eine kurze Antwort zu geben.
HAES wird auf unserer ITS schon seit Jahren (Jahrzehnten?) fast gar nicht mehr angewandt.
Hierfür gibt es mehrere Gründe:
1. Die Ärzte kennen die Anwendung von HAES nicht mehr... und was der Bauer nicht kennt, dass frisst er nicht...
2. Die Indikationen zur Gabe von HAES sind strenger geworden bzw werden ernster genommen. Siehe Beipackzettel (http://www.diagnosia.com/at/medikament/haes-steril-fresenius-haes-20005-infusionsloesung).
3. HAES wird schnell und gerne (=versehentlich) überdosiert. Empfohlenen Dosis: 20 ml pro Kg Körpergewicht, d.h. bei 70 Kg Körpergewicht 1400 ml, bei 80 Kg Körpergewicht 1600 ml. Sonst kann ein Akutes Nierenversagen die Folge sein.

Bei Volumenmangel und Sepsis könnte die HAES-Gabe sogar von Vorteil sein, bei Herz- und Nierenerkrankungen ist eher Vorsicht geboten.
Eine verständliche Erklärung findet sich hier (http://books.google.com/books?id=b2GGIlP5M9oC&pg=PA660&lpg=PA660&dq=Indikationen+zur+Gabe+von+HAES&source=bl&ots=bvzxN4POe_&sig=-YMMcoyRN0HTlPMm9CwJwVYcW5U&hl=de&ei=SI_7TLfXO-GJ4Aab3a2bBw&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=4&ved=0CCYQ6AEwAzgK#v=onepage&q&f=false).

Insbesondere bei der Sepsis kommt es zu Verschiebungen von Flüssigkeit aus dem Inravasalen Raum in den Extravasalraum von bis zu 80%, d.h. praktisch können wir Lösungen wie Sterofundin oder NaCl 0,9% Literweise den Patienten zuführen, es verbleiben nur 20 % im Gefässsystem, die restlichen 80% finden sich im Gewebe wieder.
Wohlgemerkt: hier handelt es sich um das HAES 6%, nicht um das ältere HAES 10%.

Als Applikationsweg haben wir auch schon einmal periphere Zugänge genutzt, wenn der Pat. keinen ZVK hatte und schnell Haes bekommen sollte.

Und lieber Monty,
was bitte meinst Du genau mit den drei Flüssen, die irgendwann im Meer münden?
Dies habe ich leider immer noch nicht verstanden.

Viele liebe Grüße
fridolin

Monty
05.12.2010, 20:29
Hallo Fridolin,

ist auch bei uns mittlerweile kaum mehr relevant. Damals, vor 6 Jahren, gab´s Haes aber noch sehr häufig, auch über der empfohlenen Menge.

Die Frage drehte sich um den Infusionsweg, also ob ich peripher oder zentral gebe. Eine andere Erklärung, als wie schon genannt, fällt mir jetzt auch nicht ein. Ist aber mittlerweile eh wurst.

Mittlerweile bin ich derjenige, der die komischen Fragen stellen darf. Und sowas komisches frag ich net. :D

Servus,
Monty

Tobbi
05.12.2010, 21:02
Hi Ich gehöre auch eher zur Gelantine Fraktion und ich glaube, dass es ganz egal ist wo ich das zeug reingieße...?

Gruß Tobi

topolina
09.12.2010, 03:05
wir verwenden an der ganzen klinik kein haes mehr, selbst am notarztwagen findet es noch kaum verwendung...

wo ichs gerne hab, ist in der 3. welt... aber da gibts halt nur hopp oder tropp...
das mit dem nierenversagen, das hab ich schon eindrücklich erlebt... :(

Sören Lösche
15.12.2010, 08:11
wo ist eigentlich die 2. Welt? Und gibt es da auch HES?
In der 4. Welt, für mich der Himmel in den außer den Höllengästen alle kommen, wird wahrscheinlich ganz auf Chemie verzichtet.

Sören

bpdl
15.12.2010, 10:54
wo ist eigentlich die 2. Welt?


[Klugscheißer-Modus]


http://de.wikipedia.org/wiki/Zweite_Welt
http://de.wikipedia.org/wiki/Schwellenland


[/Klugscheißer-Modus]

Sören Lösche
16.12.2010, 08:20
bpdl,
danke!
Sören,
Hannover, Tabellendritter!

ostfriesland
27.07.2012, 17:09
Moin,

... gängiges Notfallmittel ist gesundheitsschädlich - das ergab eine Studie aus Dänemark. Der Wissenschaftler bekam darauf bedrohliche Post von den Anwälten des deutschen Herstellers Fresenius Kabi ...
weiter unter: http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/hes-von-fresenius-kabi-pharmakonzern-bedraengt-kritische-forscher-a-846611.html
Gruß

arnold kaltwasser
17.06.2013, 10:35
und jetzt hat es wohl Konsequenzen:
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/54799/Hydroxyethylstaerke-EMA-fuer-Verbot-von-Volumenersatzmittel

arnold

ostfriesland
16.01.2018, 15:16
Moin,

das BfArM empfiehlt nun das Ruhen der Zulassungen für HES-haltige Arzneimittel
https://www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RV_STP/g-l/hes1.html

Gruß

ostfriesland
14.08.2018, 10:58
Moin,
aktuell hat die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft einen rote-Hand-Brief bzgl. HES-haltigen Infusionen herausgegeben:
https://www.akdae.de/Arzneimittelsicherheit/RHB/Archiv/2018/20180813.pdf
Gruß

fridolin
15.08.2018, 08:15
Wurde auch Zeit... nach über 8 Jahren der Diskussion...
...und nach über 5 Jahren nach Abschluss der Studie
...und nach fast einrm Jahr Überprüfung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses...

Ist hier Pat.-Sichereheit oder die Sicherheit der Arzeneimittelindustrie gefragt???

Viele liebe Grüße
der das Motto des Gesundheitswesen "Profit, Profit, Profit vor Menschenwohl" als abartig ansehende
fridolin