Vollständige Version anzeigen : Beatmungstagebuch: Aufruf zur Studienteilnahme
Peter Nydahl
09.04.2008, 17:32
Liebe KollegInnen
Manche Erkrankungen machen eine Beatmung und damit einen Aufenthalt auf der Intensivstation notwendig. Während dieser Krise werden die Patienten in der Regel sediert und ihre bewusste Wahrnehmung unterdrückt. Nach überstandener Krise werden sie wieder wach und können meist extubiert und verlegt werden. In den letzten Jahren wurde immer deutlicher, dass zahlreiche Patienten später über Alpträume und Stress klagten, deren Beginn mit dem Intensivaufenthalt zusammen hängt. Sie äußern Erinnerungen und Träume, die sie nicht verstehen können und die ihre Lebensqualität deutlich schmälern (Stichwort: posttraumatisches Stresssyndrom PTSD).
Damit Patienten ihre verlorene Zeit wieder finden können, gibt es u.a. das Beatmungstagebuch.
Das Beatmungstagebuch ist ein Tagebuch, das während der Zeit der Sedierung und Beatmung eines Patienten geführt wird. Es hat zum Ziel, dem Patienten später zu ermöglichen, die Situation während seiner Bewusstlosigkeit zu rekonstruieren und zu verstehen. In Skandinavien wurde das Beatmungstagebuch auf vielen Intensivstationen bereits als therapeutisches Instrument etabliert, eine dänische Studie wurde hierzu gerade abgeschlossen. Obwohl das Beatmungstagebuch dort verbreitet scheint, sind die einzelnen Tagebücher sehr unterschiedlich gestaltet und basieren auf dem Engagement einzelner Pflegenden. Wir vermuten, dass es in Deutschland nicht anders ist. Um die dänische Studie zu unterstützen, führen wir nun in Kooperation mit dem Kopenhagener Zentrum der Universitätskliniken für Pflege- und Versorgungsforschung eine entsprechende Studie in Deutschland durch.
Hierzu suchen wir Pflegende, die in irgendeiner Form ein Beatmungstagebuch für sedierte und beatmete Patienten (mit-)entwickelt haben und es praktisch anwenden, um sie telefonisch eine halbe Stunde interviewen zu können. Entsprechende Interviewpartner melden sich bitte per email oder telefonisch bei Dirk Knück (dirk@knueck.de, Tel: 07745-927220) oder Peter Nydahl (peter@nydahl.de, Tel: 0431-9709352). Die Datenanonymisierung ist hierbei gewährleistet! Vielen Dank für Eure und Ihre Mitarbeit!
Dirk Knück, Peter Nydahl
prometheus
10.04.2008, 09:44
Hallo !
Ich muss leider zu meiner Schande gestehen, dass mir ein "Beatmungstagebuch" bisher völlig unbekannt war !
Wäre sehr nett, wenn Ihr hier vielleicht noch weitere
Informationen dazu bereitstellen könntet - DANKE !
VG prometheus
Peter Nydahl
11.04.2008, 08:15
Hi Prometheus
Gute Frage, denn es gibt kaum eine Definition. Ein Versuch: das Beatmungstagebuch ist ein Tagebuch, das während der Zeit der Sedierung und Beatmung eines Patienten geführt wird. Es hat zum Ziel, den Patienten später zu ermöglichen, die Situation während seiner Bewusstlosigkeit zu rekonstruieren und zu verstehen.
Nicht näher definiert sind:
Form (Ordner, Heft, übliches Tagebuch o.ä.),
Inhalt (Status, Verlauf, Themen),
Medien (Text, Zeichnungen, Fotos, Ton- oder Videoaufnahmen),
Umfang und Struktur (Tages- oder Wocheneinträge, Seitenanzahl u.a.),
Dauer (wann beginnen, wie lange?)
Eintragende Personen (nur nahe Angehörige oder auch Besuch,
medizinisches Personal),
Verbleib während der Schreibphase und nach Entlassung, wenn Patient zunächst darauf verzichtet
und können daher individuell variieren.
Das, was hier „nicht näher definiert“ ist, möchten wir in unserer Studie herausfinden.
Uns interessiert das Thema Beatmungstagebuch. Zur Zeit führen wir parallel eine zweite Studie durch, in der ehemalige sedierte und beatmete Patienten von uns interviewt werden. Anhand der Analyse der Interviews möchten wir einen Leitfaden zur Gestaltung von Beatmungstagebüchern entwickeln – bisher ist noch niemand darauf gekommen, die Hauptpersonen zu fragen, was in einem Beatmungstagebuch eigentlich drin stehen soll und das machen wir nun.
Peter
Elisabeth
11.04.2008, 10:25
Hab mal gegoogelt mit Beatmung und Tagebuch. Dabei fällt auf, dass diese Tagebücher wohl mehr von Angehörigen geführt werden.
http://karsten-rose.blogspot.com/2006_02_01_archive.html
http://www.schlossweb.de/projekte/privatissimum/galerie_jonas/tagebuch/tagebuch.html
http://www.julian-schol.de/tagebuch.html
Meint ihr sowas?
Ich denke, bei Kindern und Frühgeborenen wird man diese Tagebücher häufiger finden.
Bei Erwachsenen kann ich es mir weniger vorstellen. Koma= Schlaf. Der Schlaf wird gern als der kleine Bruder des Todes bezeichnet. Und Tod ist in unserer Gesellschaft ein Tabuthema.
Es ist für mich auch die Frage: Wie mit dem Tagebuch umgehen? Was soll der Betroffene damit aufarbeiten? Den Kontrollverlust kann man z.B. nicht rückgängig machen? Wie sehen Traumatherapeuten so ein Angebot?
Elisabeth
Elisabeth,
so was hier:
Inhalt
Krankheitsverlauf
Beginn das Tagebuch damit zusammenzufassen, was bisher passiert ist und warum der Patient auf der ITS liegt. Medizinische Fachausdruecke und Details um Zustand und Diagnose sollten weitestgehend vermieden werden. Das gilt auch fuer allzu dramatische Schilderungen.
Umgebung des Patienten
Beschreib den Raum des Patienten, die Ausstattung und Geraete, die Alarme und andere stoerende Elemente. Erzaehl Episoden, die sich vor dem Krankenhaus abspielen, vom Wetter, den Jahreszeiten und von Dingen, die den Patienten interessieren koennten.
Krankenpflege
Schildere, welche pflegerischen Massnahmen durchgefuehrt werden muessen (warum?, wie?), beschreib den typischen Tagesablauf. Eventuell kann man von Gespraechen mit Angehoerigen schreiben.
Reaktionen des Patienten
Es ist moeglich zu beschreiben, wie der Patient auf verschiedene Stimuli reagiert (Licht, Laerm, Schlafentzug, Immobilitaet usw.). Es sollte vermieden werden, zu interpretieren. Schreib ausschliesslich Beobachtungen, versuch aber, das gesehene zu hinterfragen.
Quelle/Auszug aus den Richtlinien vo KH Sykehuset Buskerud HF” in Drammen/ Norwegen
Mal was anderes, denn aus der Sicht der Pflegenden ist es doch anders als aus der der Angehörigen!
LG Tobias
Elisabeth
17.04.2008, 10:14
Es bleibt die Frage: Was sagen Traumatherapeuten dazu?
Als Trauma (Plural: Traumata, Traumen) oder Psychotrauma bezeichnet man in der Psychologie eine von außen einwirkende Verletzung der Psyche. Eine traumatisierende Verletzung kann an sich sowohl körperlicher wie auch seelischer Natur sein, zu einer psychischen Traumatisierung kommt es jedoch in beiden Fällen erst dann, wenn das Ereignis die psychischen Belastungsgrenzen des Individuums übersteigt und nicht adäquat verarbeitet werden kann. Beispiele für Erlebnisse, die Traumata auslösen können, sind ... Unfälle, Katastrophen oder Krankheiten.
...
Ein psychisches Trauma hat oft schwerwiegende Folgen für die Traumatisierten, die von Leid- und Angstgefühlen bis hin zu schwerwiegenden psychischen Störungen reichen. In der medizinischen Diagnose unterscheidet man zwischen akuten Belastungsreaktionen, die unmittelbar auf das belastende Ereignis folgen und kurzfristig andauern, und posttraumatischen Belastungsstörungen, die erst mit größerem zeitlichen Abstand eintreten und oftmals chronische Formen annehmen. Hier ist oft das Erleben von bestimmten Schlüsselreizen, welche die Erinnerung an das zurückliegende Trauma erneut wachrufen („Trigger“), ein wichtiger Auslöser psychischer Krisen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Trauma_(Psychologie)
Elisabeth
Hi Elisabeth,
deswegen wird der Betroffene auch gefragt ob er dieses Tagebuch auch haben möchte, viele will er es vielleicht gar nicht wissen. Aber einige wollen doch das erlebt auch verarbeiten oder verstehen! Erinnerst Du dich hier dran: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/index.php?id=110&tx_ttnews[tt_news]=2216&type=98
Hier in diesem Thread werden auch Erfahrungen von anderen Pflegenden gesucht und nicht die Sinnhaftigkeit dieses Projektes.
LG Tobias :)
Dirk Knück
17.04.2008, 11:37
Hallo zusammen !
Vielen Dank für Eure (An)teilnahme an diesem sehr interessanten Thema !
Es gibt mehrere wichtige Aspekte, die uns zu der Arbeit am Beatmungstagebuch veranlasst haben.
Für die Dauer des Aufenthaltes auf der Intensivstation ist es nicht wichtig, was in der Zeit passiert ist. Erst hinterher kann es (das jedoch nicht zwangsläufig) zu Problemen im Sinne von posttraumatischen Belastungsstörungen kommen. Hier ist jedoch nicht die Erinnerung als Trigger zu verstehen, da die Erinnerung gänzlich fehlt (auch das ist nicht immer so) sondern vielmehr die Unwissenheit über den Verlauf. Es entsteht bei einigen Patienten etwas wie ein Informationsdefizit, welches "genährt" werden will.
Das Beatmungstagebuch soll als Angebot verstanden werden, welches einen Patienten, der nach Informationen sucht, mit eben diesen versorgt, die zeitnah aufgezeichnet wurden.
Angebot heisst, dass es keine Pflicht ist, zu lesen.
Liebe Grüsse
Dirk
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